Der Heuleriade letzter Teil

5. Oktober 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Analytisch-beschreibender Versuch zu einigen Werken Fried Heulers.

Die folgenden Blicke auf Werke Fried Heulers beziehen sich auf vier Bildwerke aus dem Zentrum Würzburgs – so kann jeder, der diese Aussagen überprüfen will, sich an die entsprechenden Plätze begeben.

Wir beginnen in der innersten Innenstadt, dem Lusamgärtchen und dem Platz vor der Paradepost …

I. Gedenkstein für Walther von der Vogelweide

Ziemlich versteckt hinter dem Neumünster, heute durch Umbaumaßnahmen beeinträchtigt, wird hier des mittelalterlichen politischen und Minne-Lyrikers Walther von der Vogelweide gedacht, der in Würzburg begraben sein soll. Als Erinnerungsmal dient ein mächtiger grob behauener Quader – ein Werk Heulers. Es wird sicher von vielen Besuchern wahrgenommen, ohne wahrgenommen zu werden. Das lauschige Plätzchen, mit Ruhebank daneben, ist überwachsen von großen Gebüschen. Stünde nicht umlaufend um die vier Seiten an der oberen Kante der berühmte Gedenkspruch des Zeitgenossen Hugo von Trimberg: »Her Walther von der Vogelweide/ swer des vergaez der taet mir leide«, kein Betrachter käme auf die Idee, daß es sich um einen Gedenkstein handelt. Ein mächtiger simpler Quader auf einem Sockel also, mit sehr grober Oberfläche. In die sind in den vier Ecken schälchenartige runde Vertiefungen eingelassen.

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So weit, so einfach und von der Wirkung her eher grobschlächtig. Ist eine Beziehung zu Walther ahnbar? Etwas von dessen esprit de finesse?

Die eingelassenen Schälchen sind ganz offenkundig für die Vögel gedacht.

Wenn die Erinnerungen an die Schulzeit noch nicht ganz verblaßt sind, gibt es vielleicht einen zarten Widerschein an einige Lieder Walthers und es kommt einem eins seiner berühmtesten in den Sinn, das Minnelied: »Unter den Linden …«. Da wird die Liebe besungen und was Mann und Frau unter diesem Baum für Vergnügungen gefunden haben, und nur ein kleines Vögelein hat sie beobachtet, das wohl verschwiegen sein wird. Das unvergleichliche »tandaradei« gibt dem Glück einen ganz eigenen Ton.

Nur leider – nichts von dieser Leichtigkeit und Eleganz ist in dem Gedenkstein wiederzufinden. Es ist einfach ein zu schwerer grober Klotz. Und der weckt noch ganz andere Assoziationen, gerade auch wegen der Schälchen: den des Opferaltars mythischer und nicht gerade feinsinniger (Ersatz-)Religiosität erst unlängst vergangener Zeiten.

Es ist müßig weiterzuspekulieren. Überlassen wir die sicher ahnungslosen Touristen ihren eigenen Träumereien, Vögel haben hier sowieso kein ruhiges Plätzchen mehr. Große Kunst?!

II. Der Postreiter

Nur hundert Meter entfernt steht der Postreiter vor der Paradepost. Es ist ein Reiterstandbild, das nicht an die bewegten Vorbilder vergangener Zeiten erinnert, es ist eine durch und durch starre Plastik, deren grob behauene Teile zwischen den Beinen offen lassen, ob es nicht vollendet ist oder ob aus statischen Gründen eine Verstärkung notwendig ist. Das Werk ist so statisch, wie es statischer nicht sein könnte. Das Pferd und der ihn führende Postbote sind vollkommen unbeweglich, daß es sich je auf Wanderschaft begeben möchte,  ist kaum zu erwarten. In seiner ungefügen Haltung vermittelt das Pferd nicht den Eindruck eines richtigen, eines ›reinrassigen‹ Tiers: je nach der Position des Betrachters stellt sich mal mehr die Assoziation her, man habe es mit einem Hund, vielleicht auch mit einem Reh zu tun; man sehe nur die angelegten Ohren oder den Ausdruck des Gesichts oder die Stellung der Beine. Nicht minder grob ausgeführt ist der Pferdeführer, mit Kittel und Umhängetasche, wie sie Heuler auf Photographien gern selbst getragen hat. Größe und Starrheit tragen zur Monumentalität der Gruppe bei – aber kann das, in Verbindung mit der spannungslosen Eintönigkeit, den Geist der 1950er Jahre repräsentieren? Was man mit Formreduktion bewirken kann, lassen Pferde von Marino Marini oder auch Gerhard Marks ahnen. Aber davon trennen Heuler Welten.

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III. Das Kriegerdenkmal von 1931

Abermals nur wenige hundert Meter weiter ist im Glacis das Husarenwäldchen und in diesem ein  mächtiges Kriegerdenkmal, heute eine Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege, flankiert von Gedenktafeln für Sudetendeutsche. Es ist wohl das bekannteste Werk von Heuler, geschaffen vor 1933.

Man entlastet sich gar zu leicht von der Frage, ob etwas faschistisch sei oder nicht, indem man auf die Jahreszahl der Entstehung sieht – wie es ja auch beim Ernst-Sachs-Bad in Schweinfurt jüngst praktiziert wurde (s. »Die Gnade des frühen Baubeginns«). Dabei ist doch entscheidend, was der Betrachter sieht und was ihm an Einsichten vermittelt wird.

Bei Kriegerdenkmälern in den 20er Jahren läßt sich beobachten, daß sie, je näher ihre Entstehungszeit an das Dritte Reich heranreichen, desto martialischer und heroischer werden. Der Ausdruck zielt immer weniger auf das Grauen des Krieges und immer mehr aufs Soldatische, auf den Eindruck, der sich auf die knappe Formel reduzieren läßt: »im Felde unbesiegt«, fast könnte man sagen, mit einem revanchistischen Unterton. Der Geist eines Buches wie Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« ist näher als die erschütternde Gestaltung eines Menschenschicksals wie in Arnold Zweigs »Der Streit um den Sergeanten Grischa«, vom polemisch-plakativen Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues« von Remarque ganz zu schweigen.

Abbildungen dieses Werks findet man allüberall. Es handelt sich um eine überlebensgroße Gruppenkomposition mit sechs Soldaten, die fast völlig gleich aussehen in ihren schweren Soldatenmänteln – nicht etwa in Repräsentier-Uniform – mit schweren Stiefeln und Stahlhelmen, die so ins Gesicht gezogen sind, daß man nur aus der Nähe Gesichter erkennen kann. Verschlossenheit und Leere ist ihr einheitlicher Ausdruck, finster entschlossen, die Arme kantig angewinkelt, tragen sie den Katafalk mit ihrem toten Kameraden auf den Schultern. Die vier hinteren Soldaten knien, die beiden vorderen stehen mit dem einen Bein auf dem Boden, das andere kniet ebenfalls auf dem Podest. In der Gruppe ist keinerlei Bewegung, sie ist völlig starr. Was beim Betrachter zur Emotion führt, ist die geballte Energie, die in diesen Gestalten wie gefroren und durch die großflächige monumentale Bearbeitung der Körper ins Immense gesteigert ist. Es ist, als stünde eine Explosion unmittelbar bevor: Kraft pur, zusammengehalten durch die heroische Vereinfachung der Formen, voll finsterer Entschlossenheit und einer starren Orientierung nach vorn.

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Ob man das nun prä-, proto- oder ganz einfach faschistisch nennt, spielt keine Rolle, so wenig wie die Jahreszahl der Entstehungszeit. Der Geist ist unverkennbar der, der in die Gedankenwelt des Dritten Reiches wenn nicht gehört, so unbezweifelbar dahin führt. Die Wucht ist unbestreitbar, die von der Gruppe ausgeht. Daß in ihr auch etwas von den entsetzlichen Materialschlachten dieses Krieges, verbunden mit einem Innehalten ob dieser Schlächterei, eingesickert wäre, kann man getrost bestreiten. Kann man sich ein Denkmal vorstellen, das noch besser den Geist von Militarismus, von Revanchismus, von Kampfeslust aus dieser Zeit verkörpert?

Statt, wie es vor einigen Jahren geschehen ist, diese Skulpturen aufwendig mit Sandstrahl zu säubern und zu restaurieren, hätte man es damals abtragen sollen. Als Zentrum heutiger Gedenkfeiern, unserer heutigen Friedenswünsche, ist es denkbar ungeeignet, ja kontraproduktiv.

IV. Mahnmal für die Toten des 16. März 1945

Wer hierzu Informationen sucht, findet sie etwa im Band III/1 der Geschichte Würzburgs S. 876. Aber aufgepaßt: Was steht da als Bildunterschrift? »Denkmal für die Gefallenen des 16. März 1945«.

Ein Versehen, gewiß. Aber ohne Freud bemühen zu wollen, doch ein deutlicher Hinweis. Das Denken in kriegerischen Kategorien ist so selbstverständlich, daß hier nicht von »Opfern« die Rede ist, sondern von »Gefallenen«, deren hier ja gar nicht gedacht wird – die sind ja in das alte Kriegerdenkmal quasi integriert. Es mag offen bleiben, ob dieser Irrtum sich aus der Gestaltung des Denkmals selbst herleitet, ob aus der Erinnerung an das Kriegerdenkmal oder an das bekannteste Werk Fried Heulers – es ist ein schlimmer Mißgriff, und, fürchte ich, ein symptomatischer. Heulers Werk legt es nahe, denn es setzt sich so gar nicht mit dem tatsächlichen Geschehen auseinander. Ein Feuersturm wie der in dieser Nacht hinterläßt keine unversehrten Körper, keine unversehrten vollständigen Familien, Vater, Mutter, zwei Kinder nebeneinander-aufeinander. Die Gestalten hier sind überlebensgroß, sie ruhen, ja sie ruhen – fast ist man versucht zu sagen: friedlich – auf der Erde. Zwar drücken die Gesichter der Kinder Angst aus, die der Eltern aber nur Starre. Eine Erinnerung an Tote, ohne daß etwas über das Geschehen, die Ursache gar, zum Ausdruck kommt. Die Personen sind grob in ihren Gliedmaßen und Gesichtzügen, sie sind eher in Vereisung verfallen als in den Todeskampf einer Feuersbrunst. Das Heroische liegt nicht im Ausdruck, sondern in der Überlebensgröße und der körperlichen Unversehrtheit. Der Kleidung nach könnten es auch Tote aus den Bauernkriegen sein, so unspezifisch ist sie. Da soll etwas grundsätzlich Menschliches zum Ausdruck kommen, keine Verarbeitung wirklichen historischen Geschehens. Das entlastet schließlich davon, in irgendeiner Richtung nach Ursachen zu forschen und sie bildnerisch zu verarbeiten.

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Oben habe ich das für meinen Geschmack Perverse der Konstellation (Kriegerdenkmal und Toten-Mahnmal von ein und demselben Künstler) angesprochen. Dies ist offenkundig eine Reflexion, die nicht nur auf meine Empfindungen zurückzuführen ist. Es sei nochmals auf die Schrift der Hanns-Seidel-Stiftung (s.o.) verwiesen, in der dasselbe Erschrecken anklingt, nur wissenschaftlich verbrämt und Eiertanz-artig  formuliert. Peter Springer schreibt, ohne sich freilich im Detail auf die Denkmäler einzulassen:

»Zwei gegensätzliche, doch zugleich verwandte Pathosformen des Trauerns. Zusammen mit den übrigen Requisiten beider Anlagen (Stelen, Feuerbecken, Fahnen, Ehrenwachen etc.) legen sie eine Charakterisierung nahe, die zwischen unverhohlener Restauration und konträrer Intention schwankt. Ist es da zu wohlwollend, diese Ambivalenz als Indiz eines künstlerischen Wollens zu deuten, das gegen die Kontinuität persönlicher und kollektiver Komponenten zumindest die Intention einer skulpturalen  Distanzierung voraussetzte? Träfe sie zu, so würde sie das Denkmal für die Bombenopfer zu einem Gegendenkmal machen, das nicht mehr verklären und verherrlichen, sondern nur noch erschüttern will. Damit wäre freilich zugleich ein Lernprozeß vorausgesetzt, der es dem Künstler ermöglicht hätte, einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen der Glorifizierung des soldatischen Heldentods dort und den so ganz unheldischen Opfern hier zu erkennen.« (S. 95)

Der Schluß ist völlig spekulativ und nicht zu überprüfen. Er hilft freilich, den beiden Mahnmalen Bedeutung nicht absprechen zu müssen. Worin sie plastisch begründet sein soll, verrät er uns nicht.

Die Stadt also hat es für richtig befunden, diesen großen Sohn auch nach 50 Jahren noch feierlich zu ehren. Mehr ist dazu nicht zu sagen.


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11 Kommentare zu „Der Heuleriade letzter Teil“

  1. Walther von der Vogelweide sagt:

    Zum „analytisch-beschreibenden Versuch“ des ersten „Bildwerks“ von Fried Heuler, dem Gedenkstein für Walther von der Vogelweide:
    Könnte es nicht sein, daß Fried Heuler schlicht und ergreifend einen SARKOPHAG für den Minnesänger vor Augen hatte, als er dieses „Bildwerk“ schuf?? Das liegt doch wohl allemal näher als diese – gelinde gesagt – merkwürdige Assoziation eines „Opferaltars mythischer Religiosität erst unlängst vergangener Zeiten“ (Oh du heiliger Strohsack!)
    Alle „ahnungslosen (Warum diese Überheblichkeit?) Touristen“, die lesen oder hören, daß Walther von der Vogelweide in Würzburg begraben sein soll, werden wohl diese, und nur diese Assoziation haben, selbst wenn sie – wie unterstellt – den Gedenkstein wahrgenommen haben, ohne ihn wahrzunehmen (auch diese Unterstellung des nicht gehörigen Wahrnehmens entspringt offensichtlich einer nur schwer zu kontrollierenden Überheblichkeit unseres feinsinnigen Analytikers!? Das ist schlicht und einfach ungehörig! Egal auf welcher Ebene auch immer!)
    Es ist eigentlich nebensächlich, aber ich erwähne es, weil jemand, der so kräftig auszuteilen weiß, auch einstecken muß: Aufschlußreich, daß der Autor, der so zu Herzen gehend über „einen zarten Widerschein an einige Lieder Walthers“ parliert, beim Hinschreiben offensichtlich nicht merkt, daß das alltägliche deutsche Wort „Gebüsch“ nur im Singular stehen kann: Das Gebüsch – der Busch, die Büsche!
    Damit soll’s genug sein!
    Falls man sich an der Anonymität des Kommentars stört:
    Auch in der Provinz ist es üblich, in einem Blog nicht unter Echtnamen zu plauschen. Also bitte auf die Angabe des Namens und der E-Mail-Adresse verzichten. Sonst wird das nichts mit der „Provinz auf Weltniveau“!
    Walther von der Vogelweide

  2. Walther von der Vogelweide sagt:

    Weil wir gerade dabei sind: Was ist das für eine Mode, einen Kommentar auf Freischaltung warten zu lassen!? Das sollte man der Volksrepublik China überlassen.

  3. Zunder sagt:

    Lieber Walther von der Vogelweide,

    vielen Dank für Ihre Kommentare, die den Blog sehr beleben. Bitte regelmäßig mehr davon …

    Nur in einem muss ich energisch widersprechen: Die Freischaltung der Kommentare ist nicht von Ihnen unterstellten Vorlieben für Praktiken fernöstlicher Staaten geschuldet, sondern lediglich dem Umstand, dass der Blog ansonsten – trotz vieler schlauer Filterchen – hemmungslos zugemüllt würde von Spammern, die zu jedem Beitrag die Kommentarformulare füllen.

    Ich wollte Ihnen die Spams, die trotz Filterung seit dem letzten manuellen Aufräumvorgang vor ein paar Tagen bis zu unserem Spam-Ordner durchgekommen sind, zur gefälligen Kenntnisnahme übersenden. Aber: meine Mail kam leider wieder zurück. Warum? War wohl zuviel Spam darin … ;-)

    Ansonsten wird jeder Kommentar freigeschaltet, der von einem echten Menschen stammt, und sei er noch so bissig (der Kommentar). Ausserdem hat bisher kein Kommentar länger als 8 Stunden auf Freischaltung warten müssen – da haben einige Mails von mir im Stadtgebiet schon länger gebraucht, bis sie beim Empfänger angekommen sind.

  4. Walther von der Vogelweide sagt:

    Danke, den Grund für die Notwendigkeit der Freischaltung sehe ich ein.
    Aber die beiden anderen Punkte (Real name und E-Mail)
    solltet Ihr Euch überlegen, okay?

  5. Walther von der Vogelweide sagt:

    EILMELDUNG!
    Walther von der Vogelweide gibt bekannt, daß er sich aus gegebenem Anlaß in Zukunft unter dem Decknamen „Der ruhelose Piepmatz vom Lusamgärtchen“ zu Wort melden wird.

  6. Zunder sagt:

    Also: Name und E-Mail sind nicht mehr zum Kommentieren obligatorisch – die Anonymität bleibt gewahrt. Das bedeutet aber auch, dass wir die Kommentare künftig nicht nur auf Spamgehalt prüfen müssen, sondern auch auf juristische Unbedenklichkeit, denn wenn wir anonyme Kommentare zulassen, tragen wir die letzte presserechtliche Verantwortung.
    Allerdings tragen wir die ja gerne, sofern der Diskurs hierdurch an Fahrt aufnimmt … ;-)

  7. Der Piepmatz vom Lusamgärtchen sagt:

    Ein bravissimo für den schnellen Entschluß!
    Hoffentlich auf bald (naja??)!

  8. Krampus sagt:

    Der leider auch in seinem Heimatland Argentinien kaum angemessen geschätzte Aphoristiker und Essayist Angel Vercero schrieb 1872: „Sei in keiner Form der Rede so bedacht und klug wie in der Widerrede! Wer sich hier selbst widerspricht, darf nicht hoffen, seinen Vorredner und sein Publikum zu überzeugen.“ Ich bin gewarnt und hoffe, das hohe Niveau der schon fortgeschrittenen Debatte mit möglicherweise unsystematischen Äußerungen nicht zu unterlaufen. Es gilt:

    Wie begründet oder unbegründet kann eine Ehrung sein, wenn man keinen besseren – oder zumindest im Stadtbild auffälligeren – Bildhauer hat als eben Fried Heuler? Selbstverständlich kann die Stadt auf die Ehrung verzichten, wenn sie sie für überflüssig oder nicht opportun hält. Nun hat sie aber geehrt und tatsächlich ist die kommentierte Warum-Frage interessant. Der allen faschismusfreundlichen Vorlieben unverdächtige, geschulte Dialektiker im Oberbürgermeisteramt wäre sicher um keine Antwort verlegen. Wurde er gefragt, etwa mit einem einfachen „Genosse Georg, warum?“ Zumindest wird keine Antwort überliefert, die doch die ganze Debatte näher bei der Ausgangsfrage Berthold Kremmlers hielte. Stattdessen wird interpretiert, belehrt und vereindeutigt, dass es eine monumentale Pracht ist.

    Das Amt nennt also – aus unerforschten Gründen, wie wir wissen – den Künstler einen „bedeutenden mainfränkischen Bildhauer“. Im Werk der Hanns-Seidel-Stiftung (ich zitiere den Autor ohne eigene Quellenkenntnis) wird konstatiert, „dass sein Ruf kaum über Mainfranken hinausgedrungen sei.“ Den von Herrn Kremmler hier festgestellten Unterschied in der Wertschätzung für den Künstler gibt es schlechterdings nicht. Denn ein bedeutender mainfränkischer Künstler ist eben kein „bedeutender Künstler aus Mainfranken“, sondern einer mit eingeschränkter lokaler Strahlkraft und Bedeutung; eben einer, dessen Ruf kaum über seine Heimatregion hinausgedrungen ist. Der Autor findet Alliierte, wo keine sind.

    Ansatzweise zeigt sich bereits hier, was bei der weiteren Lektüre seiner Texte zum Thema noch deutlicher wird: Von nah und weit werden Argumente jedweder Qualität herangeholt und fast ausschließlich genutzt, um die geringe mainfränkische Fallhöhe, von der Heuler gestürzt werden soll, zu vergrößern. Als Beispiel gelte das Zitat Friedrich Theodor Vischers. Es markiert einen Anspruch, der Eindruck macht. Da steht Berthold Kremmler nicht allein. Doch welcher Art ist dieser Eindruck? Für mich ist es eher der eines – mir ist das Heikle der Wortwahl in diesem Kontext bewusst – Totschlagarguments.

    Ja, Fried Heuler hat ein Kriegerdenkmal und eines für die Opfer des 16. März 1945 gemacht. Dies kann nur als pervers bezeichnen, wer von einer Künstlerbiografie völlig abstrahiert oder sein Wissen darüber zurückhält. Zum Verstummen pervers, keine Spur von Moral? Ein grober Klotz von Überlegenheit, Herr Kremmler! Darauf einen groben Keil: Ja, er hat sie gemacht. Beide. Na, und? Denn fehlt nicht vor Entrüstung völlig der Blick aufs Materielle? Der Künstler lebt vom Verkauf seiner Werke und er hat Auftraggeber. Wie es bei der Auftragsbearbeitung in ihm aussieht, entzieht sich der Außenwahrnehmung, erst recht der der Nachgeborenen. Nicht umsonst hat Bertolt Brecht die unschöne Sentenz des Vorwurfs „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ ganz nüchtern auf die Füße gestellt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

    Zum „analytisch-beschreibenden Versuch“: Es wird gefragt, ob eine Beziehung zwischen der Ausführung des Gedenksteins und Walter von der Vogelweide denkbar sei. Gewiss ist sie das. Sie wahrzunehmen setzt beim Betrachter nur ein wenig mehr „esprit de curiosité“ voraus, als der Kritiker aufbringen mag. Man müsste nur bereit sein, den simplen, grobschlächtigen Quader als Sarkophag wahrzunehmen und die eingelassenen Schälchen als gar nicht so plumpen Hinweis auf den Namen de Minnedichters zu deuten. Mit einer Prise „generosité“ ließe sich dann auch auf den Punktabzug wegen Themaverfehlung für den Bildhauer verzichten. Denn auch der ahnungsloseste Tourist (Danke sehr!) weiß, dass der Geehrte nicht Walter von der Vogeltränke hieß.

    Kommen wir von hier auf den Hund, nein, auf das Pferd und seinen abgestiegenen Reiter vor der Paradepost. Auf der Frage, was „grob behauene Teile zwischen den Beinen offen lassen“ können, möchte ich dann doch nicht – Pardon! – herumreiten. Ich frage mich aber, wie dieses angemahnte „richtige“ Pferd denn wohl aussehen soll. Die mitgeteilten Hunde- und Rehassoziationen sind witzig; und sollte auch nur ein Teil der Betrachter sich ähnlich angeregt fühlen, wäre doch nichts verloren. Es ist schließlich das Pferd eines mainfränkischen Künstlers. Die Eltern von Gerhard Marcks konnten nicht ahnen, wie sehr ein Postpferd ihres Sohnes den Berthold Kremmler im Jahre 2009 vielleicht überzeugt haben würde. Sonst hätten sie ihn wohl in Würzburg großgezogen. Leider muss es Spekulation bleiben, wie ihm der Verzicht auf Größe und Starrheit bei gleichzeitiger Beachtung der Reinrassigkeit und der „bewegten Vorbilder vergangener Zeiten“ gelungen wäre. Vielleicht hätte er einen an solche Erwartungen geknüpften Auftrag bescheiden abgelehnt. Noch ein Wort zum eben schon angesprochenen assoziativen Betrachten. Ich würde mir da keine Sorgen machen. Auch eine reinrassige Waschmaschine kann von schräg unten aussehen wie ein Kühlschrank. Spätestens beim Beladen macht sich der Unterschied wieder bemerkbar.

    Ganz fremd scheint dem Verfasser die Möglichkeit subjektiver, eigenverantwortlicher Wahrnehmung nicht zu sein. Schreibt er doch im Abschnitt über das Kriegerdenkmal, es sei „entscheidend, was der Betrachter sieht.“ „Genau!“ müsste man ihm zurufen, ergänzte er nicht noch: „und was ihm an Einsichten vermittelt wird.“ Bei diesem hier zu Tage getretenen Verständnis von Vermittlung möchte ich kurz verweilen. Aus ihm spricht Angst, Bescheidwissen und Kontrollbedürfnis, und es findet hier endlich seinen adäquaten Gegenstand. Es ist die Angst, beim Betrachter könnte etwas ankommen, was nicht gemeint ist oder nicht gemeint sein darf. Da sei der Rahmenplan für das Fach Antifaschismus vor, dem Ambivalenz und Spielräume in der Betrachtung von Kunst suspekt sind, weil höhere Werte auf dem Spiel stehen. Demnach schafft nur Eindeutigkeit Erkenntnis. Folglich muss entweder die Aneignung der richtigen Botschaft „wahrer“ Kunst gesichert und kontrolliert oder eine vermeintlich falsche Botschaft „unwürdiger“ Kunst korrigiert und an ihrer Verbreitung gehindert werden. Die Zurechtsetzung des Kriegerdenkmals für die Wahrnehmung eines Betrachters – sei er ahnungsloser Tourist oder interessierter Bürger – ist aber ebenso obsolet wie der stoßseufzende Wunsch, es zu schleifen. Es ist in seiner bizarren Wichtigtuerei heute viel zu grotesk, um es – wodurch und für wen auch immer – für gefährlich zu halten.

    Von einem Kriegerdenkmal etwas anderes zu erwarten als steingewordene Rohheit, als die affirmative Abbildung brutaler Rituale des Tötens und Getötetwerdens, geht fehl. Denn genau dies ist seine Aufgabe. Den bei der Betrachtung zu gewinnenden Eindrücken von der Darstellung zu folgen und sie gegen die Ausführung des Monuments zu wenden, bringt daher keinen Erkenntnisgewinn über die Bedingungen des Mordhandwerks derer „in grauer Norm“ (Biermann), es führt aber an eine Gabelung des gangbaren Interpretationswegs. Denn nach allem Hin und Her über Prä-, Proto- und Vollfaschistisches wird dem Denkmal schließlich vorgeworfen, als Zentrum heutiger Friedenswünsche ungeeignet und kontraproduktiv zu sein.

    Darauf ein tiefes Atemholen. Denn genau diese Mischung aus „heutigen Gedenkfeiern“ und verlogenen Friedenswünschen hat ja nun zwar nicht im Würzburger Glacis, aber im Berliner Bendlerblock einen angemessenen Ort gefunden. Wie weit Berthold Kremmlers „Kampfeslust aus dieser Zeit“ der heutigen „weltweiten Übernahme von Verantwortung“ geistesverwandt ist und wieviel dafür getan wird, diese Verwandtschaft zu leugnen, das bleibt zu beobachten. Gegen die Gefahr, der Propaganda zu erliegen, ist Heulers Kriegerdenkmal nicht das schwächste Gegenmittel.

  9. Berthold Kremmler sagt:

    Klitzekleine Replik zu Krampus:
    Der „geschulte Dialektiker“ war sehr wohl vor der Kranzniederlegung gefragt worden – und schon ging alle Dialektik flöten: es kamen nur die üblichen Floskeln, die der interessierte Stadtrat in Umlauf gebracht hatte. Man sollte auch den Erfolg von Schulung nicht überschätzen: sie hilft noch nicht einmal immer im Formalen.

  10. Eberth sagt:

    Sie sollten sich die Ausstellung über Heuler im Landratsamt Bad Kissingen anschauen, um sich ein Bild über Leben und Werk des Künstlers zu verschaffen.

  11. Günther Flierl sagt:

    Die ideologisch verkürzte Sicht des Autors wird weder der geistigen Entwicklung dieser Künstlerpersönlichkeit noch der Qualität seiner Werke gerecht.

    In Würzburgs Zentrum stehen übrigens nicht nur vier monumentale Bildwerke. In der Aufzählung fehlt das Bildnis der Erdmutter Gäa von 1954 in der Klinikstraße.
    Von allen Werken des bedeutenden Bildhauers zeigt diese vollplastische Bronzefigur mit ihrer formal neuen Orientierung an Gustav Seitz oder Edwin Scharff am deutlichsten den erfreulichen Aufschwung, den die plastische Kunst nach der Befreiung aus den Zwängen des Dritten Reiches in dieser Stadt erlebte.

    Die ursprünglich für das Geologischen Institut der Universität bestimmte Bronzefigur, wurde 1976 nach dessen Umzug in das Hubland, wo man sie nicht mehr haben wollte, auf Veranlassung von Prof. Franke in die Grünanlage vor der Med. Poliklinik versetzt.