»RATTIMS FRIEZZ RATTIMS FRIEZZ …

7. Oktober 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

… Fillidan Pamuccallom Fillidan Pamuccallom / Zigizzi Zyagiga Zyagiga Zigizzi Zyagiga Zyagiga Zigizzi / Zyagiga Zyagiga Zyah!« – wie hätte man am Sonntag, den 27. September 2009, Angie & Guido, die auf allen Kanälen feixten, schöner übertönen können als mit KOENJIHYAKKEIs Walkürenritt ins Freakparadies? Selbst die reifsten Paradieswärts-Wallfahrer hatten sowas noch selten erlebt. Aber der Reihe nach.

Auch schon am Samstag hatten Freakburgomeister Charly Heidenreich und die wackeren Mannen von Progrock-Dt geladen zum FREAKPARADE FESTIVAL 2009, diesmal, notgedrungen, in die Franz-Oberthür-Schule im Würzburger Frauenland. Und wieder hatten sich Freak-, Art- und Avantrock-Anhänger selbst aus Moskau, Tschechien oder Stralsund für dieses Wochenende nichts anderes vorgenommen, als unter Freud- und Leidensgenossen ihrem Laster zu frönen. Sogar eine Reihe derer, die nur eine Woche zuvor zum RIO-Festival nach Le Garric (Carmaux) gepilgert waren, wollten sich hier einen Nachschlag holen.

Das italienische Trio SQUARTET macht den Auftakt mit Jazzcore der unverbissenen Sorte. Der genial-schlampige Gitarrist Manlio Maresca, Bassmann Fabiano Marcucci und Teufelsdrummer Marco di Gasparro geben eine Kostprobe ihrer spritzigen Spielweise, die leider nicht so direkt wirkt wie gewohnt. In intimerem Rahmen genügt es, sie mit »Ratzinger!«-Rufen zu reizen, schon springen sie einem mit dem Arsch ins Gesicht. Manches Stück, obwohl alle schnell und hell, einschließlich einer Hochgeschwindigkeitsversion von »Night in Tunesia«, endet verblüffend abrupt mit einem »Thank You« des Sitzgitarristen, der bei seinen vertrackten Skalensprüngen die Augen beängstigend verdreht, offenbar um die Noten von der Schädeldecke abzulesen. Zweierlei wurde da schon deutlich, das sich dann als roter Faden durchzog – diese Freakparade würde es einem wieder mal nicht bequem machen. Und der Sound in der Aula stellte die Soundmacher vor Schwierigkeiten, für die sie nicht immer Lösungen fanden.

Auch der zweite Act kam aus Italien. Das HARMONIA ENSEMBLE, seit 1991 aktiv mit einem Repertoire aus Minimalismus und Klassik-Pop, aus Nino Rota, Morricone, Gavin Bryars und Busoni etc., deckte mit seinem Chamber Rock ungefähr das Spektrum ab, mit dem bei der Freak Parade 2008 Aranis zum Schwanzwedeln eingeladen hatte. Allessandra Garosi an Keyboards, Damiano Puliti am Cello, Paolo Corsi an den Drums und der künstlerbemähnte Orio Odori an der Klarinette spielen hier jedoch überwiegend Frank Zappa – »Hungry Freaks Daddy«, »Peaches en Regalia«, »Son of Mr. Green Genes«, »King Kong«, »Lumpy Gravy« –, dazu eine vom Apostel der Über-Franken inspirierte Eigenkomposition, Strawinskis »Pulcinella«, das mir pastorale Bilder aus Disneys Fantasia vorgaukelte, und ein Potpourri von Area. Nichts davon als verkniffene Kopie, sondern umarrangiert zu Kammermusik, die einem kess zublinzelt: Ach, was sind wir doch verrockt. Bis hin zu einem furiosen Drumsolofeuerwerk. Garosi glänzte mit Hindemithscher Seehundtechnik und drohte, mit dem Temperament eines Clowns auf der Kinderkrebsstation aus ihrem kurzen Kleid zu fahren. Der entsprechend animierte Beifall führte zu einer Zugabenorgie, collagiert aus Radetzkymarsch, Walzer und allerhand Erkennen-Sie die-Melodie-Ohrenzupfern. Putzig.

Nach solch süßen Pfirsichen folgt mit krassem Szenewechsel Saures aus der Ile-de-France. UNITED COLORS OF SODOM, ein trefflich getaufter Polyzephalus mit drei Mann von Kolkhöze Printanium, ist bestückt mit Feuerio-Gebläse, zwei Trommlern, Gitarre, Bass, aber auch so Feinem wie Geige, Vibes und Akkordeon. Nach der Maxime Total! Maximal! Brutal! intonieren sie lange Suiten aus Metal und Freejazz, Turntablenoise und Hardcorevocals, Headbangerriffs und Horrorfilmstimmung. Ich kann mir nicht helfen, ich mag Krach und Kakophonie, ich mag Musik, die selbstgefälligen Prog-Muff mit Stalinorgeln austreibt. Der Sound war zwar von Humpf & Dumpf, einer der synchronen Drummer überflüssig, das DJ-Intro zu lang, die Metalschläge so halbstark wie die Teufelszeichen des finster blickenden Gitarristen. Speziell der Grunzgesang von DJ Sebastien Lemonon und die Vocals des Hornisten Médéric Collignon, angelehnt an Mike Patton oder Jens Kidman von Meshuggah, klingen in Progland barbarisch. Man muss sich wohl die Fantomas-Melvins Bigband oder auch Kevin Martins GOD als Anreger der verbotenen Sodomiten vorstellen. Als der Komponist & Arrangeur von E- zu Kontrabass wechselt, lichtet sich die Finsternis, wenn auch nur zwielichtig. Die Zugabe, obwohl erhabene »Mars«-Martialik nach Gustav Holst, ist fast schon wieder nachkriegsgeordnet. Die Sodoms hämmern und schweißen jedenfalls an den richtigen Nähten, noch unvollkommen, aber vielversprechend.

Danach strapazieren THREE FRIENDS (play Gentle Giant) die Geduld mit stundenlangem Soundcheck. Alle werden vor die Tür komplimentiert, um dann damit belohnt zu werden, wie Kerry Minnear, Gary Green und Malcolm Mortimore, Keyboarder, Gitarrist und Drummer der originalen Sanften Riesen, als neues Retro-Septett alte Giant-Songs als Wucht aus der Dose auftischen. Ich, Giant-unbeleckt, konnte mir nur verwundert Augen und Ohren reiben. So ein Aufstand wegen so relativ banalem Adult Oriented Rock? Nur eine kleine Minderheit entblödete sich nicht, den harmlosen Schmarrn mit Standing Ovations zu rechtfertigen. Nichts gegen Nostalgie, aber wer alles beklatscht, macht Beifall beliebig. Seltene Lichtblicke waren ein elegischer Song, den Minnear sang, und ein virtuos vertrillertes Keyboard-Gitarren-Intro.

Beim Après-Rock im IMMERHIN, der intimen Kultstätte Würzburger Freakerei, wird nachgekartet: Freak? Oder »Freund«? Von Magma und Area beschallt, fließen Gerstensaft und White Russian in Strömen. Dave Kerman fand Three Friends Klasse. Aber Neogrindcore sei noch toller. Na ja, lange Haare, kurze Hose.

Der Sonntag beginnt frühzeitig mit PANZERBALLETT. Von manchen immer wieder gern gehört, für mich Gelegenheit, mir – während die Münchner Zappa kafferten oder zum »Abkrassen« aufriefen – am Plattenstand erklären zu lassen, dass es von Gentle Giant wirklich gute Sachen gibt – »Design« auf Interview, oder die Octopus für die einsame Insel.

Doch dann – weil Koenjihyakkei den Zug verpassten – PRESENT. Die Belgier mit Übertrommler Dave Kerman sind Garanten für Rites de passage ins Erhabene. Ich versuche ja immer, meine Erwartungen zu dämpfen, um nicht enttäuscht zu sein, wenn es dann nur gut wird. Wie hätte ich denn ahnen sollen, dass Roger & Réginald Trigaux an Keyboard & Gitarren, Kerman, Pierre Desassis am Saxophon, Pierre Chevalier an den Keyboards, Keith Macksoud am Bass und Matthieu Safatly am Cello mit ihrer finsteren, aber glorreichen Marsch-, Trauer- und Festmusik für hinkende, zuckende, gepeinigte Antihelden einen derart in die Auferstehung jagen würden? Trigaux sen., zerbrechlich wie Ramses nach der Auferstehung, gibt mit dunkler Stimme den Anstoß zum dystopischen »Delusion«. Nach dem mörderischen »Jack the Ripper« verkörpert er im wörtlichen Sinn »Vertige«. Auf einem Stuhl mitten in der Band dirigiert er wie ein ausgemergelter Prophet den Widerhall seiner Visionen. Auf »Dr. Petiot« folgt schließlich Presents Meisterstück, die »Promenade au fond d’un Canal«, die nach Mordor führt, mitten ins Herz der Finsternis, um dort zuletzt sich selbst zu verbrennen wie Ellen Ripley. Das Finale ist ein Ragnarök aus Feedbacknoise! Der Cellobogen fräst fast ohne Haare, Kerman geiselt seine Cymbals mit ‘ner Kette, Gitarre und Bass schrillen infernalisch. Man möchte sich die Ohren zuhalten und braucht doch beide Hände für die Zustimmung zu diesem Fegefeuer. Die Goldenen Kälber eingeschmolzen. Offener Horizont. Ohne Mumpitz, Wenn und Aber. Das Weltgericht argumentiert nicht.

Draußen strahlen die Sonne, die Wahlsieger und wir. Doch nur wir haben auch guten Grund. Aber was kann jetzt noch kommen? 5 Japaner. Und KOENJIHYAKKEI braucht tatsächlich nur einen Song, um uns gleichzeitig zu plätten und aus den Sitzen zu reißen!!! Trommler Tatsuya Yoshida, trotz all seiner Referenzen mit Acid Mothers Gong, Daimonjii, dem Satoko Fujii Quartet, Korekyojinn, Painkiller, Ruins und Zubi Zuva, agiert ebenerdig als Primus inter pares. Links der junge Klimperdämon Yabuki Takashi, rechts der rundliche Zeuhlbassblubberer Sakamoto Kengo, dazwischen die proppere Sopranosaxophonistin Komori Keiko als Windsbraut im Sommerkleid, und am Mikrophon – ja wer, ja was? Ah, ein Strandfeger mit roten Haaren in Bluejeansshorts, eine Sopranistin, die die Parole gleich auch vormacht: KICK OUT THE JAMS!!! Keine CD, kein Video bereitet auf das Temperament vor, mit der dieses Quintett Magma mit den Swingle Singers aufmischt. Ah kräht und gospelt überkandidelte Orff-Carmina, immer wieder auch unisono mit Yoshida. Woher nimmt diese Kröte ihre gewaltige Stimme? Zum Juhu-Schreien euphorisierend und bizarr ist das, und doch kein Klamauk. Yoshida trommelt, scheinbar völlig mühelos, halsbrecherisch treppauf-treppab rasende Rhythmen. Geste und Ton sind eins. Ah jubiliert dazu, von Komori angestachelt, kobaianisch-dadaistische Kapriolen. All das so spielerisch, als ob die Musik einfach im Cyberspace gedankenschnell manifest würde. All das so poppig, so begeisternd, dass schon nach 3 Songs der halbe Saal Kopf steht und der Bassist uns bremsen muss – We have more songs. Tatsächlich gibt es in den wie von Escher für Tom und Jerry entworfenen Treppenfluchten auch lyrische Momente wie bei »Angherr Shisspa« oder große Oper wie »Wammilicia Iffirom« und neben Bekanntem auch den »New Song # 1« & »# 2«. Besonders schön ist »Fettim Paillu«, das als Kunstlied nur mit getragenen Keyboards beginnt, die Yabuki ansonsten aber wie manisch traktiert. Die ausnahmslos wie vom Affengott gebissenen Songs peitschen einen, bis man glückselig levitiert. KOENJIHYAKKEI, ein Himmelsgeschenk! Ich verneige mich, staunend, glühend. Daneben, Angie & Guido, seid ihr ein Fliegendreck.


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