More stories to tell

15. Oktober 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Kaum war die FREAK PARADE vom System absorbiert, servierte unser Oberfreak schon wieder einen seiner Lieblingsdrinks, die hochprozentigen BREWED BY NOON. Am 2. Oktober fanden sich im IMMERHIN immerhin 20 Trinkfeste, um sich gehörig einschenken zu lassen von Sean Noonan, wohlbekannt als Drum-Champion mit The Hub, und von Aram Bajakian, der am 1. März beim letzten Noon-Gastspiel im OMNIBUS, sich gitarrengöttlich in Szene gesetzt hatte.

An ihrer Seite spielte diesmal aber nicht mehr Jamaaladeen Tacuma Bass (der dafür beim heurigen HAFENSOMMER dem Schweizer Hendrix Project den Pulsschlag lieferte). Shanir Blumenkranz hieß der Neue, ein bärtiger Samson aus Brooklyn, der an diesem Abend so denkwürdig Blumen pflückte wie Boris Karloff als Dr. Frankensteins Ingolstadter Patchwork-Lazarus. Was die drei boten, war nicht die afro-irische Mischung, wie man sie von den Brewed By-CDs kennt. Aber Noonan selbst sprang als Griot ein und setzte mit einem Humor, der nur die nicht verblüffte, die sein Remmidemmi mit seinem bayrischen Duo Brooklyn Lager schon erlebt hatten, allerhand Stories in Szene.

Bei der grotesken Western-Münchhausiade »Pecos Bill« katapultiert der eifersüchtige Gaul Widow-Maker Bills Braut Slue-Foot Sue zuletzt auf den Mond, wo Bill sie erschießt, damit sie nicht verhungern muss. Bei »John Henry« hämmert der Champion beim Eisenbahntunnelbau mit einem Dampfhammer um die Wette, kommt aber durch einen Steinschlag um als tragischer Volksheld gegen die Industrialisierung. Diese Tall Tales werden aber nicht à la Disney vertont, sondern als Ratz-Fatz-Looney Toons und Chaplin-Grotesken. Noonan flüchtet vor seiner geldgierigen Vermieterin (»Drunken Landlady«) und schaudert vor einem Man in the wall (»Purge«). Das sind sozusagen seine Urban Tales, aber auch schon Schauergeschichten. Mit expliziten Weird und Romantic Tales wie »Great Silkie« und »Underneath the Bladethorn Tree« führt er in die Northern Lands. Oder in »Günther’s Wald« mit seinen kitzligen Sonnenstrahlen, sprechenden Pilzen und schrägen Vögeln.

Alles nur Kasperltheater? Ach was. Jeder Satz ist nicht nur musikalisch illustriert und zwar so heftig, dass einem die Ohren wackeln, zudem machen die reinen Instrumentalpassagen leicht über 80 % aus. Und was da alles geboten wird! Rappelkistengetrommel wie balgende Kater zwischen Mülltonnen. Eine Itchy-Scratchy-Gitarre, die offenbar alles kann, sogar Northern-Lands-Schwebklänge und selbst einen herzzerreißenden Blues. Bajakian ist ein Gitarrengott incognito. Als er eine gerissene Saite ersetzen muss, singt Noonan »No Irish Need Apply«, den Song von dem irischen Immigranten, der als dreckiger Paddy keine Arbeit bekommt. Und Blumenkranz? Eine Offenbarung. Der 34-Jährige kommt freilich nicht aus dem Nichts, sondern hat sich – auch mit Kontrabass und Oud – längst einen Namen gemacht als Interpret von Zorns Masada Book Two, mit Cyro Baptista und den Tzadik-Acts Pharaoh’s Daughter, Rashanim, Pitom und Edom. Sein E-Bassspiel ist weit mehr als Begleitservice, es ist ebenso Sound wie Rhythmus, zieht von urigem Unken über Slideglissandos und Splattereffekten bis zu pulsierenden Arpeggios alle Register. Dabei musste er sich den Stoff im Crashkurs eintrichtern. Aber zudem waren da Improvisationstalent und Eigenkreativität gefragt. Er machte das bravourös. Das ist das Schöne bei Noonans Drinks mit Sonnenstich und Brooklynaroma – unter Kennern liebevoll Schädelspalter genannt –, dass man dabei jedesmal andere Sterne sieht.


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