Notiz zu Kunst, Moral und Opportunismus

23. Oktober 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Kleinigkeiten zu Krampus’ Kommentar anlässlich Fried Heulers

Wollte man sich eine schnelle Übersicht über die Fragestellung in der Überschrift, zumindest über Kunst und Moral, verschaffen und hoffte auf Google, erlebte man eine herbe Enttäuschung: nicht weniger als 2,5 Millionen Einträge. Die Kombination mit Opportunismus ergibt zwar nur noch ein Hundertstel davon, für die Fundierung eines eigenen Artikels ist das immer noch zu deprimierend.

Also müssen wir uns selbstständig einen Weg durch diesen dschungelartigen Verhau bahnen und mit dem eigenen Kopf denken.

Seit 200 Jahren, seit Klassik und Romantik, ist eine selbstverständliche Voraussetzung der Kunst ihre Autonomie, ihre Freiheit, keiner speziellen Verpflichtung unterworfen zu sein, und aus dieser Theorie ist, mit einigen Zwischenschritten, der Kunstvorbehalt des Grundgesetzes geworden. Werden keine Individualrechte verletzt, ist der Künstler frei, zu tun oder zu lassen, was ihm recht und billig und vor allem notwendig erscheint. Gelegentlich kommt es zu heftigen Konflikten, wenn strittig ist, ob die Persönlichkeitsrechte einzelner der Kunstfreiheit übergeordnet sein sollen, wie – um ein älteres Beispiel zu nehmen – Klaus Manns Roman »Mephisto« mit einer nach Gustav Gründgens modellierten Hauptperson. Das Bundesverfassungsgericht hat seinerzeit den Roman verboten, das Verbot hat sich inzwischen totgelaufen, der Roman ist unbehelligt im Handel; das Ganze ist in einem eigenen Buch von Eberhard Spangenberg (»Karriere eines Romans«) schön dokumentiert.

Im Zentrum stehen hier Persönlichkeitsrechte.

Ganz anders im Fall Fried Heulers. Wenn hier Kunst und Moral in Konjunktion gebracht werden, dann wegen des hinter einem skulpturalen Ensemble stehenden Menschen- und Gesellschaftsbilds, zum andern wegen der Unvereinbarkeit dieser Plastik mit dem Gehalt einer zweiten: hier kriegsverherrlichendes Kriegerdenkmal, dort plastische Gestalt der Folgen: Zerstörung von Menschenleben in riesenhaftem Ausmaß.

Die Frage lautet dann: Wie kann ein einzelner Künstler diese diametralen Gegensätze künstlerisch würdig und glaubwürdig bewältigen.

Meine Behauptung war: gar nicht, das Ergebnis, die Werke zeigen es, sie sind zusammen niederschmetternd.

Zur Vergegenwärtigung des Kriegerdenkmals verweise ich auf meinen Artikel. Er hat sich auf die analytische Beschreibung beschränkt. Die Biographie habe ich absichtlich nicht angesprochen, da es sich um öffentliche Denkmäler handelt, die jedem zugänglich sind und deren Künstler dem Gros der Betrachter unbekannt ist. Uns gilt allein das Werk, das Denkmal.

Nun gilt es die Perspektive zu erweitern. Dieses Denkmal ist entstanden vor der Machtergreifung, also vor 1933. Diese Tatsache dient in der Regel dazu, dass der Produzent seine Hände in Unschuld zu waschen versucht: das ist doch gar nicht faschistisch, weil der Faschismus noch nicht an der Macht war.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Der Künstler hat ein Werk geschaffen, bevor irgendjemand ihn dazu nötigen konnte, ein zur faschistischen Kunst gehörendes Objekt herzustellen. Das Werk atmet also den Geist der Zeit – auf eine äußerst deprimierende Weise: es ist faschistisch, bevor es das hätte sein müssen. Wenn Ernst Jünger ein Buch über den 1. Weltkrieg geschrieben hat mit dem Titel »In Stahlgewittern«, so war das ein Buch ohne Auftraggeber. Dass es einen solchen Erfolg hatte, lag in den Interessen einer großen Käuferschar. Für ein Kriegerdenkmal gibt es keine Käufer, sondern Auftraggeber. Und die sind Teil der Öffentlichkeit. Sie sind in den Skandal einbezogen und mitverantwortlich.

Warum bezeichne ich dieses Denkmal als faschistisch? Weil es in dem zum Ausdruck kommenden Menschenbild (trutzige Soldaten ohne Gefühlsregung, die Ausstrahlung von geballter Aggressivität, der zum Ausdruck kommende eherne Heroismus, die Behandlung der skulpturalen Massen, der abweisend-glatten, geradezu feindlichen Oberflächen etc.) – wie sollte ein Kriegerdenkmal noch – wenn der Komparativ hier erlaubt ist – wie sollte er noch »faschistischer« sein? Dass dieses Denkmal am Ende einer Entwicklung der Denkmalplastik in den 20er Jahren steht, die von zaghaft individualisiertem Leid zu immer größerem wildentschlossenen Heroismus voranschritt, ist ja keine Entschuldigung. Man braucht dem nur das dokumentarische Photobuch über das Gesicht des 1. Weltkriegs entgegenzuhalten, um die ganz plastische Erfahrung zu machen, wie Leid und Krieg und Faschismus zueinander stehen. Heutzutage fällt einem zusätzlich noch der Begriff »Revanchismus« ein, wenn man sieht, wie diese sechs Männer sich auch noch gen Osten wenden …

Wenn man nicht dafür plädiert, dieses Werk zu entsorgen – wie man das heute ganz unauffällig nennen könnte –, weil die heutige Jugend etwas daraus lernen könne, so muss man dem entschieden widersprechen: Zum einen müsste dann dem Ensemble der Charakter des Denkmals entzogen werden, an dem immer noch ständig des Tods der Soldaten aus zwei Weltkriegen gedacht wird, es müsste historisiert und zu diesem Zweck auch erklärt werden, und man kann sich zum zweiten fragen, warum etwa das Gebäude der Volkskammer der DDR geschleift worden ist, ebenfalls ein Denkmal, das an wenig rühmliche vergangene Zeiten der deutschen Geschichte erinnert.

Das ist der erste Teil der Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Moral: Haben wir das moralische Recht, ein solches Denkmal zu behandeln, als ginge es einfach um ein x-beliebiges Denkmal zu einem x-beliebigen historischen Ereignis? Die Antwort erscheint mir klar und unzweifelhaft.

Schwieriger ist der Fall des Denkmals zur Erinnerung an die Toten des 16. März 1945. Auch dieses Denkmal ist selbstverständlich eine Auftragsarbeit, zu der der Künstler sich ganz gewiss nicht aus bloßem Wiedergutmachungswillen gedrängt gesehen hat – denn der Anlass steht ja in ursächlichem Zusammenhang mit dem Kriegerdenkmal: ohne Kriegshetze auf der einen Seite keine Vernichtungen der Zivilbevölkerung. Man könnte sagen, dieses Denkmal strahle Würde aus, sei eine angemessene Auseinandersetzung mit dieser Katastrophe. Ich möchte darauf nicht noch einmal im Detail eingehen – mir scheint es von der zum Monumentalen neigenden Größe der liegenden Personen unangemessen, gar grobschlächtig. Vor allem jedoch ist der Ausdruck, der über der Gruppe liegt, meines Erachtens der Situation völlig unangemessen. Aber auch das Ensemble in seiner Zusammensetzung: eine Familie – also hätte das in der Feuersbrunst noch eine Rolle gespielt. Eine höhere Macht hat sie wohl zum Zweck eines ›einladenden‹ Denkmals wieder vereinigt … Absurd. Wer mit alten Würzburgern spricht, die diese Feuerwalze erlebt haben und die erfahrenen Details sich ins Gedächtnis ruft – etwa, dass Mütter ihre Kinder zum Schutz vor der Gluthitze in Brunnen gesteckt haben, vermeintlich zur Abkühlung, nicht ahnend, dass die Kinder in den zum Kochen gebrachten Brunnen ihrerseits gekocht wurden –, wer sich diese Grausamkeit des Erlebten vor Augen hält, dem kann ein quieszierendes Denkmal wie das vor dem Friedhof nur als Hohn erscheinen. Darüber mag man nun denken, wie man will.

Das ist aber versagt, wenn man bedenkt, dass der Künstler derselbe ist, der das Kriegerdenkmal geschaffen hat. Da gibt es bei der Rechtfertigung kein Entrinnen: Wie kommt jemand dazu, zwei solche entgegengesetzte Anlässe gleichermaßen im Kunstwerk zu gestalten und zu überformen, ohne dem zweiten, dem späteren seine eigene moralische Schuld einzugraben? – denn davon ist nirgendwo etwas zu spüren. Heuler interessiert sozusagen nur die gestalterische Seite, nicht das Motiv selbst und seinen eigenen Bezug dazu.

Was er im stillen Kämmerlein bzw. im immer zur Verfügung stehenden Veitshöchheimer Atelier gedacht haben mag, ist uninteressant: Wir haben es hier mit einem öffentlichen Denkmal zu tun, und was zählt, ist allein, was wir sehen können.

Und nun kommt Krampus in seinem Kommentar und meint, Brecht zitierend, alles das habe seine Rechtfertigung allein schon durch den Satz: Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. Ich weiß nicht, ob Krampus sich klargemacht hat, welche Konsequenzen sich aus einem solchen für alle Zwecke erweiterten Satz ergeben. Denn er behauptet ja, dass ein Künstler immer das Recht habe, zu tun, was sein Überleben garantiert, ohne jede Einschränkung.

Zunächst einmal müsste man, auf der niedrigsten Stufe, klären, ob Heuler am Hungertuch genagt und dieses Denkmal zum Überleben gebraucht hat.

Viel entscheidender ist: Wenn man aus diesem Satz einen allgemeinen Anspruch ableitet, der nicht mehr durch konkrete Bedingungen eingeschränkt wird, dann muss man sich fragen, mit welchem Recht heutzutage von den Bänkern die Bonuszahlungen zurückgefordert werden. Die Gier wird gerechtfertigt durch den Vorrang des Raffens vor moralischen Anforderungen.

Eine solche Überlegung rechtfertigt – und nun sind wir beim dritten Begriff der Überschrift – jede Form von Opportunismus und wird gar noch mit einer Art moralischen Mäntelchen beschönigt – ausgerechnet von einem Mann, Bert Brecht, dessen Satz von dem Schoß, der noch fruchtbar sei, so gern zitiert wird.

Nein, Krampus, da liegen Sie ganz grauenhaft daneben.

Zum Schluss noch ein kleiner Anhang.

Krampus hält mir vor, ich würde allerlei abgelegenes Bildungsgut heranziehen, um meine Position abzusichern, und nennt dafür Friedrich Theodor Vischers Satz »Das Moralische versteht sich immer von selbst«. Es ist ein Jammer, dass einem heutzutage gern ein bisschen Kenntnisse und Bildung, die über den Alltagskonsum hinausgehen, als negativ um die Ohren gehauen werden. (Wozu propagiert man denn die Bildungsaufrüstung in den entsprechenden Einrichtungen?) In diesem Fall möchte ich aber doch gern daran erinnern, dass Bernhard Schlink, seinerseits ja Richter und sicher für eine große Zahl von Lesern und Filmliebhabern kein Unbekannter, gerade diesen Vischer’schen Satz zum Anlass eines Aufsatzes in der bedeutenden Kulturzeitschrift Merkur (Nr. 722 vom Juli 2009) gemacht hat. Schlink bettet ihn in die Philosophie und das Denken des 19. Jahrhunderts ein; das kann nachlesen, wer sich dafür interessiert. Der Satz bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass humanes Verhalten für uns selbstverständlich sein muss. Gerne wüsste ich, was der Münchner, der sein Leben für Jugendliche geopfert hat, dazu gemeint hätte, wenn sein von dieser Anforderung bestimmtes Verhalten zum Totschlagargument, so Krampus, zugerichtet und erklärt wird. Da bleibe ich mit offenem Mund stehen und schnappe nach Luft.


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1 Kommentar zu „Notiz zu Kunst, Moral und Opportunismus“

  1. Krampus sagt:

    Kaum meint man, die Heuleriade sei ausgelutscht und biete nur noch Nachgeschmack, schon justiert Berthold Kremmler die Fruchtpresse neu. Und siehe da: Schon spritzt der Saft wieder in den Disputmixer! Nicht dass alles ganz frisch wäre, was sich da ansammelt. Die schwer verdaulichen Cocktailkirschen aus der Hybriskonserve sollen locken wie sie wollen; sie bleiben im Glas. Der dazu in einem anderen Zusammenhang von FFF.F. jüngst ergangene Wunsch nach Mäßigung hilft bei der Selbstbeschränkung.

    Zum Thema: Es gibt nochmalige Akzentuierungen bereits beantworteter Thesen, die diese teils erhellen. Teils scheinen sie aber auch von sehr verhaltener Bereitschaft zum annähernd gleichberechtigten Austausch zu zeugen. Die Orientierung am überkommenen Bildungskanon ist dabei nicht das Problem, vielmehr ist es das Getue darum, als könne sowieso niemand mithalten. Eine diffuse Gemeinsamkeit in der Ausrichtung auf das gleiche Ziel, diese Welt eingreifend zu gestalten – in klareren Zeiten nannten wir das die Zugehörigkeit zur richtigen Seite – reicht dabei aber anscheinend nicht aus. Wenn sich beim brüderlichen Ringen um die gleiche Sache Gräben auftun, bedeutet das ja noch nicht, die Seite zu wechseln. Gegner bleibt Gegner. Hier gibt es keine Gräben, aber deutliche Spuren, dass sich der Vor- und Mitstreiter
    in einer sicheren Idylle der Bestürzung so gut eingerichtet hat, dass ihm jede inhaltliche Bereicherung seines Kampfs als Schwächung erscheint, die abgewehrt werden muss. Er ist
    damit einer militärisch konnotierten Erwartung von Ergebenheit näher als er glaubt.

    Und genau sein Blick aufs militärische Symbol führt ihn dann im antirevanchistischen Eifer wieder in die Irre. Soll denn nun die geografische Ausrichtung der Skulptur in Richtung Osten
    auch noch dafür herhalten, den fulminanten Faschismusvorwurf zu stützen? Wie soll man sich das vorstellen? Ein toter soldatischer Kamerad aus dem gerade verlorenen Ersten Weltkrieg wird über Würzburg als neuerliche Kriegsdrohung nach Osten getragen? Das kann nicht ernst gemeint sein. Und es ist falsch. Die Ausrichtung folgt religiöser Tradition. Wichtige Kulthandlungen werden in vielen Glaubensgemeinschaften nach Osten gewandt vollzogen. Das Christentum macht dabei keine Ausnahme. Die Haltung ist Ausdruck des Verlangens, zum Paradies zurückzukehren. Dies macht die diskutierte Skulptur kein bisschen appetitlicher, friedlicher oder gar künstlerisch wertvoller. Es zeigt aber, dass zum abergläubischen und menschenfeindlichen Segensspruch vor dem Waffengang auch die Konsequenz gehört, niemanden von der göttlichen Fahne zu lassen. Selbst dann nicht, wenn der HERR nicht mitgespielt hat.

    Zu schwach ist die Vernunft, dass wir hoffen dürften, Militär und Religion noch in die gemeinsame Tonne zu zwingen, in die sie gehören. Aber ein gutes Ziel ist es schon.