Das unbekannte Erbe – der Wiederaufbau von Würzburg

26. Oktober 2009 | Autor: Ulrich Pfannschmidt

Viele Würzburger halten das Zentrum ihrer Stadt für alt. Sie nehmen nicht wahr, dass die Stadt innerhalb des Glacis, des ehemaligen Befestigungsringes, in kleinen Teilen rekonstruiert und in weiten Bereichen nach der Zerstörung am 16. März 1945 völlig neu errichtet worden ist. In den Ritualen des Gedenkens wird zwar regelmäßig auf die Katastrophe hingewiesen, der folgende Wiederaufbau aber kaum angesprochen. Staub und Patina an den Gebäuden und eine unübersehbare Verlotterung des öffentlichen Raumes stützen die Ansicht, zumal die Mehrheit der Bürger sich durch die Gnade ihrer späten Geburt kaum an die Jahre des Wiederaufbaus erinnern kann, immerhin sind seit der Bombardierung schon vierundsechzig Jahre vergangen. So stark die Zerstörungen das Bild der Stadt auch verändert haben, das unmittelbar folgende Ende des Krieges hat die Stadt davor bewahrt, in ganz anderer Weise durch den geplanten Ausbau zur Gauhauptstadt entstellt und vernichtet zu werden.

Die Gedanken, die den Wiederaufbau geleitet haben, sind weitgehend vergessen. Der Geist der Aufbruchjahre ist der Gewöhnung und der Gleichgültigkeit gewichen. An die Stelle einer planvollen Weiterentwicklung ist konzeptloses Wursteln getreten. Ersatzweise haben sich in Würzburg Legenden gebildet, die erst abzuräumen sind, bevor man den Ereignissen näher treten kann. Ein besonderes Hindernis ist der verbreitete Glaube, alles was die Stadt betrifft, sei einmalig, die Zerstörung, das Leiden, der Wiederaufbau, das Stadtbild. Kaum ein Politiker verfehlt, solch gern vernommene Schmeichelei abzusondern, wenn er den Boden Würzburgs betritt. Einmalig ist aber nur die eitle, provinzielle Selbsteinschätzung. Nichts fürchtet die Engstirnigkeit mehr, als von Zeit zu Zeit einen Blick über die Grenzen der Stadt hinaus in die Welt zu richten. Eine Stadt wieder aufzubauen, ist eine Aufgabe, die an Größe kaum zu übertreffen ist. Fehler lassen sich nicht vermeiden. Heute aber auf die Einmaligkeit zu verweisen, wirkt besonders peinlich, wenn damit erkennbar Schwächen und Versagen der Kommunalpolitik entschuldigt werden sollen.

Nicht weniger hinderlich für eine sachgerechte Betrachtung und Beurteilung ist ein nostalgischer oder sentimentaler Blick in eine verklärte Vergangenheit. Notwendig ist eine ernsthafte und nüchterne Sicht auf die Ausgangslage, die Möglichkeiten, das Leitbild und die Entscheidungen der damaligen Zeit. Wo ist der Wiederaufbau gelungen, wo ist er unvollendet? Und vor allem, wie kann an der Stadt weitergebaut werden, um das Misslungene zu verbessern ohne das Gute zu schädigen? Der aufmerksame Blick findet Ansätze in der Innenstadt mehr als genug. Allerdings scheint die Kommunalpolitik mit Blindheit geschlagen.

Im Gegensatz zu anderen Städten, die seit dem Mittelalter immer wieder große, vernichtende Stadtbrände erlebt hatten – London verbrannte 1666, Passau gleich zweimal 1662 und 1680, Schwäbisch Hall 1728, Göppingen 1782, Hof 1823, Hamburg 1842 und Chicago 1871 –, war die Zerstörung am 16.März 1945 für Würzburg eine völlig neue Erfahrung. Das mag besonders traumatische Gefühle erklären. Gelegentlich fragt der Würzburger, warum denn gerade seine Stadt zum Ziel der Bomben wurde, sie hätte doch keine kriegswichtigen Ziele geboten. Abgesehen von den Tatsachen, dass Würzburg Sitz des Gauleiters und Gauhauptstadt war, mehrere Kasernen, ein Lazarett, einen Flugplatz besaß, und ein nicht ganz unbedeutender Eisenbahnknoten war, war für die Wahl von Würzburg eine ganz andere Eigenschaft wichtig: Würzburg war nach Ansicht des englischen Militärs eine gut brennbare Stadt.

Die Führung der englischen Luftwaffe hatte im Lauf des Krieges eine Methode des Bombardements entwickelt, die eine Optimierung der Bombenschäden versprach. Man öffnete zunächst mit Sprengbomben die Dächer der Häuser, legte so die Dachstühle frei und warf dann Phosphorbomben hinterher, das Holz zu entzünden. Auf diese Weise gelang es, innerhalb kurzer Zeit einen so genannten Feuersturm zu entfachen, der dann selbständig das Zerstörungswerk vollendete. Brennbare Städte waren also gefragt. Würzburg beweist den Erfolg der Methode. In der brennenden Stadt entstand eine ungeheure Hitze, die den Asphalt der Strassen verflüssigte, noch in den Kellern der Häuser Essbestecke zusammenschmelzen ließ, in den Tresoren der Museen unter Luftabschluss hölzerne Figürchen in blanke Holzkohle verwandelte und das Wasser in den Brunnen aufkochen ließ.

Krieg und Blutvergießen sollten nach dem Willen der englischen Kriegführung so schnell wie möglich enden. Sie glaubte, dies am besten durch eine Serie von Bombenangriffen auf deutsche Städte zu erreichen. Nach Angriffen auf Bonn, Düren, Freiburg, Heilbronn, Trier gegen Ende 1944, folgten 1945 Nürnberg am 2. und Magdeburg am 16.Januar, Dresden vom 13. bis zum 15., Worms am 21., Pforzheim am 23. und Mainz am 27. Februar, Paderborn am 27. und Hildesheim am 22. März, Halberstadt am 8. und Potsdam am 14. April.

Die Zahl der Toten und die Schäden an Häusern waren riesig. Pforzheim verlor 31,4 % seiner Bevölkerung, Nürnberg nahm mit 25 Kubikmetern Schutt pro Kopf der Vorkriegsbevölkerung den zweiten Rang nach Dresden mit 37 Kubikmetern. Erst mit der Kapitulation am 7. Mai 1945 hörte die Vernichtung auf. Würzburg war also weder allein noch unter den Städten am stärksten betroffen.

Das Stadtmodell im Grafeneckart zeigt, was übrig blieb vom Glanz der Stadt. Der Wiederaufbau hatte es nach der Beseitigung des Trümmerschuttes mit Resten von Mauern zu tun, die vom Luftdruck der Sprengbomben gelupft, in über 1000 Grad Hitze gebacken und zermürbt und zuletzt noch längere Zeit der Witterung schutzlos ausgesetzt waren. Wie viel war ein solches Mauerwerk noch wert? Wie tragfähig war es noch? Ein solches Mauerwerk kann man unschwer zerbröseln. Wie viel davon ist noch heute in den Neubauten verborgen? Gleichzeitig waren Tausende von Menschen obdachlos. In einer solchen Situation fragt man nicht, ob es sich nicht lohnen würde, dies oder jenes bedeutende Haus zu rekonstruieren. Zumal es gar kein Baumaterial gab. Ohne das direkte Eingreifen der amerikanischen Besatzung wäre es nicht einmal gelungen, das notwendigste Material zur Rettung der Residenz zu beschaffen. In den ersten Jahren nach dem Krieg mühten sich die Menschen, aus Trümmern Baustoffe zu gewinnen. Trümmerfrauen klopften Mörtel von den Ziegeln. Wer eine Genehmigung zum Aufenthalt in zerstörten Städten oder eine Zulassung zum Studium an einer Universität haben wollte, musste sie sich durch solche Arbeiten verdienen. Man kann sich vorstellen, dass unter solchen Umständen, alles zusammengenommen, die Bauqualität nicht herausragend sein konnte – und so ist es denn auch. An öffentlichen Bauten in Würzburg hat sich dies in den letzten Jahren sehr deutlich gezeigt. Teile der Fachhochschule im Haus des Röntgengymnasiums waren nicht standfest und wurden nachgerüstet, der wieder aufgebaute Flügel des Gefängnisses in der Ottostrasse zeigte statische Mängel, vom Gebäude der heutigen Musikschule in der Bibrastrasse ist am Ende nur die äußere Hülle übrig geblieben und zuletzt wurde das Hochhaus in der Augustinerstrasse geräumt. Der Zustand privater Gebäude ist nicht öffentlich bekannt geworden, es wäre aber merkwürdig, wenn es hier besser zuginge.

Was für die Bauqualität gilt, trifft auch für die Qualität der Architektur zu. Einigen herausragenden Beispielen wie der Johanniskirche, dem Hauptbahnhof mit dem Vorgelege der Pavillons, der Regierung von Unterfranken oder dem Autohaus der Fa. Müller steht eine Masse schlecht geplanter Allerweltsgebäude gegenüber. Wenn, wie tatsächlich geschehen, jemand auf Wohnungssuche erst nach Besichtigung der 50. Wohnung fündig wird, dann liegt das sicher nicht nur am hoch gezüchteten Geschmack des Suchenden, sondern auch am miserablen Angebot. Gespart wurde nicht nur beim Material – hier der Not gehorchend –, sondern auch an der Planung – hier freiwillig aus Sparsamkeit oder Geiz. Aus der Masse der kleineren Elemente der Stadt – Wohnhäuser oder Geschäftshäuser – die heraus zu finden, die das Typische der Wiederaufbauzeit besonders repräsentieren, die also schutzwürdig im Sinn des Denkmalschutzgesetzes sind, wird nicht einfach sein.

Es ging aber nicht nur um den Aufbau der Häuser, sondern um den Umbau der gesamten Stadt. Schon vor dem Krieg hatte man es für notwendig gehalten, Altstädte aus hygienischen, verkehrlichen und sozialen Gründen aufzulockern. Licht, Luft und Sonne sollten endlich in die engen Gassen fluten. Tuberkulose war noch ein Thema. Schon damals wurden in vielen Städten Pläne geschmiedet, wie man die Schäden des Krieges zur Besserung der städtebaulichen Situation im Frieden nutzen könne. Die Stadt Nürnberg schrieb 1947 einen Architektenwettbewerb für die Aufbauplanung der Altstadt aus, dessen Ergebnisse die Bandbreite der damaligen Ideen zeigten. Sie reichten von der gemäßigten Wiederherstellung der alten Struktur mit ihren Blöcken und Quartieren bis zum völlig neuen System der Bebauung in parallelen Zeilen, mal in Nord-Süd- oder mal in Ost-West-Richtung. Nicht viel anders war das Ergebnis des 1958 international von der Bundesregierung und Berlin ausgelobten Wettbewerbs »Hauptstadt Berlin«. Ein zweiter Preis entfiel auf den Vorschlag von Hans Scharoun, dem späteren Architekten der berühmten Berliner Philharmonie. Seine Idee von Berlin sah eine locker in die grüne Landschaft des Urstromtales gestreute Anzahl von Gebäuden vor, die keine Ähnlichkeit mehr mit dem Bild geschlossener europäischer Städte aufwies. Zu einem solch radikalen Neuanfang entschloss man sich nirgends, die Planungen versuchten mehr oder weniger die alten Strukturen unter Vermeidung allzu großer Missstände zu erhalten und vorsichtig weiter zu entwickeln. Im Süden näher am Bestand als im Norden der Republik. Es gibt keinen Zweifel, dass die Entscheidungen dem Willen der Bevölkerung entsprachen. Sie sind im Konsens mit den Bürgern getroffen worden, nicht dem Diktat von Architekten und Planern zu verdanken.

Auch in Würzburg ging man moderat vor. Man verbreiterte manche Strassen wie zum Beispiel die Plattnerstraße oder die Spiegelstraße und schuf neue Durchbrüche entlang des Maines wie die Dreikronenstraße. Man hobelte auch manche Erhebung ab und begradigte die Gradiente wie vor der Neubaukirche. Wo Straßen breiter wurden, wuchs nicht selten die Zahl der Stockwerke von drei auf vier. Nur an wenigen Stellen folgte man dem Leitbild der »Gegliederten und aufgelockerten Stadt«, das noch lange Zeit die Vorstädte und Neubausiedlungen prägen sollte. Und gerade diese Stellen sind heute besonders umstritten. Zu nennen wären Höhe und Bauwich des Polizei-Präsidiums in der Augustinerstrasse, die räumlich ungeklärte Platzsituation vor dem Gebäude der Regierung von Unterfranken, die Bebauung der Mozartschule oder die Bebauung an der Spiegelstrasse.

Gerade die Situation an der Spiegelstrasse zeigt deutlich, wie vergessen das Prinzip der »Gegliederten und Aufgelockerten Stadt« in Würzburg tatsächlich ist: Während man die räumliche Situation entlang der Peterstrasse als unvollendet ansehen kann, liegt an der Spiegelstrasse eine klare städtebauliche Anordnung von Baukörpern vor, die einen schönen Raum zwischen sich fassen, der sowohl den Wohnungen ein gutes Umfeld bietet als auch das Stadtbild bereichert. Die Spiegelstraße, die vor dem Krieg eine enge, im Stadtgrundriss kaum wahrnehmbare Gasse war, ist nunmehr eine eher zu breite Einfahrt in den Stadtkern geworden, deren südliche Randbauten auf 4 Geschosse erhöht wurden. Hinter dem Gartenpavillon des ehemaligen Domherrenhofs Ussigheim wurde im hinteren Teil des Grundstücks, abgesetzt von der Strasse und so einen Freiraum öffnend, ein großer Neubau realisiert. Seine Höhe von sechs Geschossen hätte zu denken geben müssen, denn sie taucht bis heute weder in der in der näheren Umgebung noch an einer anderen Hinterhoflage der Stadt auf. Sie ist nur dadurch zu erklären, dass sie den Verzicht auf eine Bebauung des Freiraums an der Spiegelstrasse kompensieren sollte. Der Bauträger, das Brunowerk, beabsichtigt nunmehr, den Freiraum zu bebauen und sich die Vergütung ein zweites Mal von einer willfährigen und hilflosen Stadtverwaltung zu holen. Die Realisierung eines dadurch entstehenden schluchtartigen Hofes zwischen Vorder- und Hintergebäuden verkehrt die städtebaulichen Leitgedanken der Auflockerung geradezu in ihr Gegenteil. Abgesehen von der Dreistigkeit und Schamlosigkeit eines der katholischen Kirche nahestehenden Bauträgers, sich zweimal löhnen zu lassen, entsteht mit der vorderen Bebauung eine sanierungsreife Verdichtung. Die Begründung, in der Innenstadt Wohnungen mit sozial tragbarer Miete errichten zu wollen, kann angesichts der Leerstände im Stadtgebiet nicht überzeugen, zumal mindestens zwei der geplanten Geschosse gewerblich genutzt werden sollen. Nicht mehr der Bau von Wohnungen in der Innenstadt ist notwendig, sondern ein besseres Wohnumfeld. Die geplante Verdichtung bewirkt das Gegenteil. Die Attraktivität einer Stadt wird nicht mit Einkaufszentren gesteigert, sondern mit einer anständigen städtebaulichen und architektonischen Gestaltung. Wir lernen: die Enzyklika »Caritas in Veritate« heißt in der Würzburger Übersetzung »In Wahrheit zum Erbarmen«.

Der Wiederaufbau von Würzburg ist wie in anderen Städten eine großartige organisatorische und soziale Leistung gewesen. Wenn wir uns mit der Qualität der Architektur der 1950er Jahre befassen und über ihre Schutzwürdigkeit im Sinn des Denkmalgesetzes nachdenken, haben wir es mit einer sehr komplexen Materie zu tun. Es geht nicht oder wenigstens nicht nur um Fragen des Baustils, des äußeren Eindrucks der Gebäude. Zu fragen ist auch nach der Qualität von Bausubstanz und innerer Ordnung der Grundrisse. Insbesondere ist es notwenig, sich mit Gedanken und Vorstellungen der Wiederaufbauzeit zu befassen, sich auf den Geist der damaligen Zeit einzulassen und ihm nach zu spüren. Es kommt auch darauf an, die Stellung der Bauten zueinander, wie den Raum zwischen ihnen, also das, was ein Ensemble ausmacht, zu erkennen. Städtebaulich gesehen ist der Raum zwischen den Gebäuden genau so wichtig wie die Volumina der Häuser.

Wer zum Beispiel die Einfachheit der Fassaden bemängelt, hat einen wesentlichen Charakterzug der Zeit nicht verstanden. Auch dort, wo zum Beispiel der Dekor der Gründerzeit noch vorhanden war, hat man ihn abgeschlagen und die Fassade purifiziert. Die Schlichtheit war angestrebt. Das Ornament ist ein Verbrechen, hatte Adolf Loos postuliert. Das mag man heute bedauern, aber niemand hat den Bürger damals gezwungen, so zu handeln. Es entsprach dem Geist der Zeit und seinem eigenen Willen.

Hat man je gehört, dass sich der Stadtrat Würzburgs in Städten umgesehen hätte, die das gleiche Schicksal der Zerstörung und des Wiederaufbaus teilen? Und wie man dort mit dem Erbe umgeht? Ein Vergleich hätte gewiss einige nützliche Erkenntnisse erbracht. Allerdings kann man durchaus zweifeln, ob ein Stadtrat, der nicht einmal im Ansatz den Unterschied zwischen Fassadenkosmetik und einer räumlichen, städtebaulichen Situation zu erkennen vermag, überhaupt lernfähig ist. Sicher scheint dagegen, dass der heutige Rat der Stadt und ihre Verwaltung mit dem Wiederaufbau heillos überfordert gewesen wären. Der Mut und die Weitsicht der damals Verantwortlichen kann deshalb allen Unzulänglichkeiten zum Trotz nicht hoch genug geschätzt werden.

Zum Schluss ein kleiner Hinweis. Wenn Sie einen zuverlässigen Begleiter in die Niederungen der Baukultur suchen, wenden Sie sich an das Brunowerk, dieser Bauträger wird Sie nicht enttäuschen.


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