Kompetenz, Dilettantismus und Anmaßung I

26. Oktober 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Vor Jahren gab es in Würzburg den berühmten Baukunstbeirat, besetzt mit kompetenten Architekten und sonstigen Kennern aus der Stadt, die sich um Bauvorhaben und Stadtbild zu kümmern hatten. Warum und woran er damals gescheitert ist, weiß ich nicht mehr im Detail. Aber ich erinnere mich an eine denkwürdige Veranstaltung im Spitäle mit Stadträten und OB-Kandidaten vor der vorletzten Kommunalwahl, bei der einer der Kandidaten mit dem Brustton der Überzeugung meinte, der Beirat sei überflüssig, »Wir können das genauso gut allein«. Die Folgen sind bekannt.

Eine Stadtratswahl später sind wir klüger: Es geht eben nicht ohne ein solch beratendes Gremium, auch wenn es Geld kostet. Kompetenz gibt es bekanntlich nicht umsonst (s. die Universität). Und so hat der Stadtrat einem neu-alten Gremium neues Leben eingehaucht und ihm den schön klingenden Namen »Kommission für Stadtbild und Architektur Würzburg« gegeben (Stadträte hatten und haben wir bisher schon, mit dem Ergebnis s.o.). Damit soll ein richtig kompetentes, unabhängiges Gremium geschaffen werden, dessen Unabhängigkeit dadurch garantiert ist, dass die wichtigen sachkundigen Gäste aus der Ferne zugezogen werden. Es ist für jede Sitzung die Anwesenheit von fünfen dieser Kenner vorgesehen.

Wer leitet zweckmäßigerweise ein solch unabhängiges Gremium, das nicht zuletzt die Verwaltung unabhängig beraten soll? Wer wohl? Richtig: der Chef dieser zu beratenden Verwaltung, der Oberbürgermeister. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Den fünf Kennern (bzw. ihren Vertretern) stehen gegenüber: zwei professionelle Stadträte, nämlich Kulturreferent und Stadtbaurat, der Stadtheimatpfleger und je ein Vertreter der Künstler und des Landesamtes für Denkmalpflege, macht insgesamt abermals fünf, also zusammen 10 (partielle) Kenner. Diese 10 Kenner werden flankiert durch acht weitere Personen, nämlich acht Vertreter der im Stadtrat vertretenen Parteien, nach Proporz, versteht sich; man weiß, Loyalitäten überzeugen immer noch wirksamer als Argumente.

Macht summa summarum 18 Kommissionsmitglieder.

Werfen wir wenigstens einen oberflächlichen Blick auf die acht Stadträte: Man sollte meinen, an dieser Aufgabe interessierte Stadträte gingen zuhauf in Veranstaltungen etwa des Architekturtreffs in der Herrengasse, wo ständig Vorträge und Ausstellungen von Architekten organisiert werden. Selbst wenn man den erweiterten Kreis der Stadträte einbezieht – jedes für die Kommission benannte Ratsmitglied hat nämlich zwei Vertreter, macht 24 Stadträte –, mir ist in den vielen Veranstaltungen, die ich selbst besucht habe, nur ein einziger als Gast leibhaftig in Erinnerung.

Er ist bezeichnenderweise nicht in die Kommission entsandt worden.

Ich habe von einer Partei genauere Kenntnis der Vertreter. Ich kann ohne schlechtes Gewissen sagen, dass sie, soweit Ferndiagnosen möglich sind, von Sachkenntnis weitestgehend unberührt sind. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dies gilt für die meisten Parteimitglieder.

Auf die Frage an einen Kenner der Szene, was er sich von einer so zusammengesetzten Kommission verspreche, gab er die sibyllinische Auskunft: »Sie sind dort, um zu lernen«.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, was Frau Thalgott, frühere Stadtbaurätin in München und zu zwei brillanten Vorträgen im Frühjahr in Würzburg, sich von einer solchen Perspektive erhofft. Im übrigen kann man sich nur schämen, dass und wie die Zusammensetzung einer solchen Kommission zustande gekommen ist. Der Stadtrat scheint immer noch weitgehend der vermessenen Ansicht, dass das, was sie für ihren gesunden Menschenverstand halten, für derlei Feinheiten völlig ausreichend sei.

Der OB, vor langer Zeit schon auf diese aufgeblähte Einrichtung angesprochen, meinte, Stadträte könnten so etwas, nämlich ohne Sachkompetenz kompetente Entscheidungen treffen und Urteile fällen. So als sei mit der Wahl der Heilige Geist über sie gekommen – ganz jenseits demokratischer Gepflogenheiten und des gesunden Menschenverstands, wie man hinzufügen muß.

Vor wenigen Tagen habe ich erfahren: In der katholischen Kirche rede man in solchen Fällen von »Amtsgnade«. Das überzeugte mich spontan. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen – und seien sie in Beton gegossen.

Hoffnung ist, wie Walter Benjamin einmal sagte, nur dem Hoffnungslosen gegeben.


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5 Kommentare zu „Kompetenz, Dilettantismus und Anmaßung I“

  1. Zuckerpuppe sagt:

    Trotz eines konkreten Anlasses mochte ich allgemein beginnen: Mir gefällt, dass es hier ein wenig lebhafter zugeht in den letzten Tagen, und es ist überraschend, wie viel Gesichtspunkte inzwischen in der Debatte um die Heuleriade deutlich geworden sind. Bisher habe ich die Entwicklung mit passivem Interesse verfolgt, gelegentlich auch ein wenig belustigt über die Ernsthaftigkeit bei der Zitatenhuberei.

    Muss man ein schönes Wort, dass einem Beitrag mehr Gewicht und der Belesenheit des Autors helleren Glanz verleiht, so zerpflücken, wie es zuletzt der Kommentator Piepmatz im Skulpturenstreit getan hat? Meine erste Antwort war: Nein! Nun aber, und damit werde ich konkret, bin ich selbst über den von Herrn Kremmler überlieferten Satz Walter Benjamins gestolpert, mit dem er seinen neuen Text abschließt.

    Ich darf mir zugute halten, Benjamin ein wenig gelesen zu haben. Die Lektüre war nicht umfassend, aber eben doch ertragreich genug, um „Hoffnung ist nur den Hoffnungslosen gegeben“ für merkwürdig flach und leider auch frisiert zu halten. Benjamins Werk ist groß; und sollte ich mich täuschen, so bitte ich um Nachsicht. Aber ging das nicht so: „Um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.“? Es ist dies der Schlußsatz aus Benjamins Essay über Goethes „Wahlverwandtschaften“. Eine vielschichtige Formel, die zu diskutieren mir die Kompetenz fehlt. Wer mag, kann sich in diesem Zusammenhang von Micha Brumliks Aufsatz „Benjamin und die Kindheit“ in der Nummer 12/2008 der Zeitschrift „Literaturen“ anregen lassen.

    Nicht zu diskutieren, sondern zu vermeiden gilt es nach meiner Überzeugung aber, bei der Auswahl von Zitaten ihren Kontext durch Nichtnennung zu verschleiern oder sie gar durch Verkürzung zum leider falsch glänzenden Modeschmuck für eigene Texte zu machen. Wovor sich Kommentatoren hüten, davor sollten auch Redakteure Abstand halten. Niemand käme wohl bei einem Stromausfall in der eigenen Wohnung auf die Idee, der Reklamation beim Energieversorger mit dem Zitat aus der Schöpfungsgeschichte „Es werde Licht!“ mehr Gewicht verleihen zu wollen, nur weil ihr Protagonist eine gewichtigere Figur ist als man selbst.

  2. Formfehlerfreunde Feitshöchheim sagt:

    Auch wir begrüssen den Anstieg der Aktivitäten in diesem Medium und erlauben uns, zuerst einmal den Autoren resp. Herausgeber zu verteidigen: Wenn auch Benjamin wohl zitiert werden sollte, so zeigt die Form (keine An- und Abführung, kein Quellenhinweis) doch deutlich, dass Kremmler sich hier eine vor langer Zeit gelesene Sentenz in seine Gedankenwelt einverleibt hat, ohne diese auf Abruf und im Detail bzw. Kontext parat zu haben; Kremmlers Analyse wird mit der gewählten Aussage pointiert, der Verweis auf fremde Urheberschaft erscheint uns als korrektes Verhalten, wenn auch nicht in wissenschaftlichem Sinne – ob daraus gleich ein „Modeschmuck für eigene Texte“ wird, sei dahingestellt (was, wenn er nicht Benjamin als Bezugspunkt genannt hätte?). Wir müssen, wenn wir dem Energieversorger Beine machen wollen, eher auf „Mehr Licht!“ bestehen – und dafür ist es nicht von Bedeutung, welcher alte Mann welchen Satz zu welchem Zeitpunkt seines Schaffens von sich gegeben hat!
    Uns beunruhigt jedoch – und dies gilt gerade auch für Kremmlersche Texte –, wie sehr die Diskussionen (und gefällten Urteile) sich an jenem bildungsbürgerlichen Kanon zu orientieren scheinen, dessen Niedergang schon vor der Nazidiktatur begann. Muss man denn spekulieren, ob Fried Heuler Remarque oder Jünger gelesen hat? Geht es denn nicht zuerst um die Benennung von Missständen in lokaler Politik und Kultur – und dies nicht unbedingt mit Blick auf Konzepte der Vergangenheit, sondern auf die Folgen für die Zukunft?
    Die Welt wird nicht vom heimischen Bücherregal aus verändert … auch wenn wir verschämt zugeben, dass wir uns mit unserem Bücherregal täglich stundenlang beschäftigen. Über Formfehler sehen wir jedoch gerne hinweg, wenn damit einer wichtigen Sache Gutes getan wird – und freuten uns, wenn Piepmatz und Zuckerpuppe diese unsere Ansicht teilen würden.
    FFF.F

  3. Zuckerpuppe sagt:

    Selbstverständlich möchte ich diese Freude nicht einschränken. Auf eitles Auftrumpfen entlang dem Kanon kann ich gut verzichten; und es macht mehr Spaß, eine heitere Replik („Mehr Licht!“) zu lesen, als Quellenzweifel zu hegen.

    Dabei erzwingt Kremmlers Duktus und Themenwahl intellektuelle Auseinandersetzung, die sich lohnt. Noch größer wäre der Gewinn, würde er sich ohne die schon an anderer Stelle von Krampus kritisierte Lehrerhaltung darauf einlassen, die gelegentlich Züge von Unerbittlichkeit offenbart.

    Für jede Form des Austauschs möge gelten, dass die dafür gehabte Beschäftigung mit dem Bücherregal den Nutzer nicht beschämt. Soll es doch die Werkzeuge bereithalten, mit denen sich die Welt, wenn schon nicht verändern, so doch interpretieren lässt.

  4. Sandkopf sagt:

    Ach, Zuckerpuppe, von wo hast du den Satz „Für jede Form des Austauschs möge gelten, dass die dafür gehabte Beschäftigung mit dem Bücherregal den Nutzer nicht beschämt“ aus dem Lateinischen übersetzt?

  5. Zuckerpuppe sagt:

    Ach ja, Sandkopf, schön dass du dich dafür interessierst! Aber es war keine lateinische Quelle. Der Satz stammt vom Deckel einer altgriechischen Aphorismensammlungsattrappe, die ich in der Regalabteilung von Ikea entdeckt habe. Liest du noch oder schreibst du schon? Jetzt weißt du bescheid. Yamas!