Heilige Inkonsequenz

30. Oktober 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Würzburg und seine Vergangenheit

Erinnert sich noch jemand? Vor einigen Jahren hat der Stadtrat – eine Großtat in seiner Geschichte – der Carl-Diem-Halle ihren Namen aberkannt, nach erbitterten Auseinandersetzungen. Was wollte man damals nicht erst noch an neuen biographischen Forschungen abwarten, um herauszubekommen, ob und wie sehr Carl Diem ins Dritte Reich verstrickt war und die Aberkennung wirklich nötig sei.

Ein besonders kluger Coup der CSU seinerzeit: die Fraktion war überwiegend für Carl Diem, die Oberbürgermeisterin und einige wenige ihre Parteigenossen waren gegen ihn. Der heutige CSU-Fraktionsvorsitzende, sonst eigentlich doch nicht unklug, manchmal sogar brillant, wird sich, hoffentlich schaudernd, seiner damaligen Haltung erinnern. Nachdem Erinnerungstafeln auch in anderen Städten geschleift sind, wird man voller Genugtuung auf die damalige so umkämpfte Entscheidung blicken.

Seither legt man »Stolpersteine« noch und noch, um an die triste Vergangenheit, die verschleppten und ermordeten Juden, zu erinnern und das eigene Verantwortungsgefühl vor sich herzutragen, quer durch alle Parteien, wenn ich das recht sehe.

Das hindert weder die Mainpost daran, am gestrigen Donnerstag, 29.10.2009, groß mit Photo auf die Ausstellung Fried Heulers in Bad Kissingen hinzuweisen und dabei auszuklammern, daß sein Kriegerdenkmal von 1931 so faschistisch ist, wie nur etwas faschistisch sein kann, Jahreszahl hin oder her;
noch hat der SPD-OB – feine Ironie der Dinge – Wichtigeres zu tun, als am Grab dieses Fried Heuler an seinem 50. Todestag einen Kranz niederzulegen (27.9.2009), flankiert von Fackeln, wie sie schöner und sinnträchtiger nicht hätten brennen können. Freilich fast ohne Publikum – der Stadtrat, der das so gewollt hatte, glänzte in toto durch Abwesenheit.

Aber am Volkstrauertag werden wieder große Reden geschwungen vor diesem kriegshetzerischen Denkmal, als wäre nie etwas gewesen.

Und die Mainpost tut ebenfalls, als wäre nichts, was man wissen müßte.

(Leserbrief an die Mainpost, heute abgeschickt)


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