Freakshow: SQUIRRELY DRAGONS

14. November 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

»Dr. Umezu Band Live at Moers Festival« (1983), das war Mitte der 1980er ein Euphorisiakum aus dem Land des Lächelns in meiner noch kleinen Plattensammlung. Mit der roten Sonne auf dem Cover war es der erste Fingerzeig auf die irre Potenz japanischer Tora Tora Tora-Musik, bevor dann die Herrlichkeiten von A-Musik bis Wha Ha Ha mich torpedierten.

Der Saxophonist & Klarinettist Kazutoki Umezu ist aber eigentlich ein Weltbürger, mit Anschluss an die NY Downtown-Szene, der er ab 1990 mit Third Person sogar fest angehörte. Aber auch Eclecticism (Knitting Factory, 1995) ist ein starkes Dokument aus jenen Jahren. Danach frönte er in Japan ausgerechnet einem Klezmer- & Gypsy-Fimmel, mit der Großformation Betsuni Nanmo Klezmer und – bis heute – mit Komatcha Klezmer.

Seit 10 Jahren ist aber die KIKI BAND Umezus Ticket zur weiten Welt bis nach Sansibar und Singapur. Und am 9.11.2009 sogar in unser Krähwinkel, in den Würzburger Omnibus. An seiner Seite der Bondage Fruit-Gitarrist Kido Natsuki, ein Saitenzauberer mit einem Gesicht wie von Utamaro geschnitten. Dazu mit Joe Trump ein knackiger Rumpler, downtowngestählt in Elliott Sharps Carbon. Und am E-Bass der pluderbehoste Pirat Hayakawa Takeharu, Umezus Weggefährte seit 1978, mir bekannt im Satoko Fujii Quartet.

Die Japaner, allen voran Dr. Umezu selbst, bescheren einem eine merkwürdige Begegnung der Dritten Art als zierliche Zenmönche vom andern Stern und ebenso freundlich. Die Musik jedoch: mein lieber Schwan! Hochvirtuos verwirbeln die Vier von den ersten Riffs ihrer Erkennungsmelodie »Squirrely Dragon« an prägnante Rhythmik mit Melodienseligkeit zu einer Art JazzRock, der scheinbar mühelos im Allgemeinen das Besondere findet. Was da als pure Lebensfreude so herrlich rockt und funkt hat einen schwer zu lokalisierenden Anklang an, grobe Richtung, Balkan oder Schwarzer Kontinent. Umezu bläst lauthals und verschwenderisch schneidende Phrasen, immer populär, nie banal. Er flatterzüngelt, er zirkularatmet, er macht Dampf, dass die Mundwinkel ganz unwillkürlich Richtung Ohrläppchen wandern. Dazu singt Kido auf der Gitarre mit ganz heißen Fingern, als hätte er den Gitarrengöttern das Feuer gestohlen. Enorm variantenreich, mit prachtvollen Sololäufen, aber bei »Monkey Mash« und »Outer Stopper« mit seinem treppab fallenden Stakkato dann auch schön schrappelig.

Fast noch verblüffender ist das, was Hayakawa am Bass anstellt. Wie beiläufig der sein Arpeggienabracadabra buchstabiert. Zwischen all diese Dynamik werden zwei schmusige Stücke geschoben. Die wunderbare Klarinettenpoesie von »Nowhere House« kommt, mit viel Vibrato, gefühlsecht wie Folklore direkt von einer Stara Planina-Alm. Dazu pflückt Hayakawa ein Basssolo zum Aufdiekniesinken. Aber schon wird’s wieder schnell, wenn die Gitarre bei »Viva Chuo-line Jazz« ihre Drachenschuppen schimmern lässt und Trump mit der Bassdrum knattert. Was kann der Mann auf den Putz hauen!

Dr. Umezu – wohl wissend, was für ein Tag ist – empfiehlt ihn als idealen Mauerbrecher. Ob das denn überhaupt Jazz ist, fragt der eine, »ROCK’N’ROLL!« schreit der andere. Zwei Sets, »Vietnamese Gospel« als hymnische Zugabe, allgemeines Kopfnicken. Na also. Glück geht manchmal so einfach.


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