Zum Volkstrauertag – Verständnisprobleme für Denkmäler

15. November 2009 | Autor: Berthold Kremmler

Mit Denkmälern umzugehen, scheint eine echte intellektuelle Herausforderung zu sein. Jedenfalls sind die Schwierigkeiten, mit ihnen – wie ich finde – angemessen umzugehen, fast unüberwindlich. Deshalb sollen einige bei den Heuler’schen Denkmälern nochmals grundsätzlich zur Sprache gebracht werden.

Was Denkmäler von anderen Kunstwerken unterscheidet, ist ihre grundsätzliche Öffentlichkeit, die sie dem Meinen und Wollen des Künstlers völlig oder fast völlig entzieht. Am leichtesten läßt sich das gerade bei diesen Würzburger Werken ganz einfach konstatieren: sie wirken wie anonym. Ich habe über ein halbes hundert Personen nach den vier in meinen Artikeln erwähnten Bildwerken gefragt: es war eine verschwindende Minderheit, die wußten, wer sie gemacht hat. Schlimmer noch, viele – und zwar in allen Altersgruppen – viele wußten noch nicht einmal, wonach ich frage. Besonders auffällig ist das beim Reiterstandbild an der Paradepost: er ist im geistigen Auge der Würzburger so präsent wie, nun ja, wie einer der stattlichen grauen Müllsammler: man nimmt ihn gar nicht mehr wahr.

Daraus darf man aber auch schließen, daß sie einer biographischen Interpretation weitestgehend entzogen sind: was Fried Heuler sonst noch gemacht hat, was er gewollt haben könnte, bleibt für das Verständnis dieser Bildwerke irrelevant.

Genau aus diesem Grund war es mir gleichgültig, was in der Ausstellung von Bad Kissingen anläßlich seines 50. Todestags zu sehen war: nicht die Person Heuler und seine sonstigen Werke interessierten mich, sondern die Werke, die, wenn wir überhaupt noch bewußt hinsehen, wir täglich sehen können. Mich beschäftigt Heuler sonst überhaupt nicht – mich machen diese Werke auf seine weiteren einfach nicht neugierig. Die Heuler-Philologie ist mir Hekuba. Mich ärgert freilich heftig, daß der Rat der Stadt, oder wer immer das lanciert hat, eine Ehrung zum 50. Todestag veranlaßt sah.

Denn dann kommt mir die meinetwegen ideologische Orientierung des Heldendenkmals im Husarenwäldchen in Erinnerung; ich habe dazu geschrieben, was mir notwendig schien.

Aber jetzt zum Volkstrauertag geht das einen Schritt weiter. Jetzt erfüllt das Denkmal wirklich seine Funktion als Denkmal, nicht nur wie sonst als Staffage: zur Erinnerung an die in den Weltkriegen gefallenen Soldaten.

Und da hört für mich der Spaß auf. Es geht um unser aller Toten. Für mich kommt es einer Schändung der Erinnerung an meinen gefallenen Vater, seinen gefallenen Bruder und seinen gefallenen Schwager gleich, wenn jetzt an einem faschistischen Denkmal ihres sinnlosen Todes gedacht werden soll. Mit welcher Überzeugung immer sie in den Krieg gezogen sind – das haben sie nicht verdient.

Mir ist es unbegreiflich, wie man an einem Denkmal, dem die Aggressivität eingeschrieben ist, heute noch der Toten gedenken kann, die dieser Aggressivität zum Opfer gefallen sind.

Hätte Fried Heuler Charakter gehabt, hätte er nach dem Krieg selbst mit dem Meisel Hand an dieses Denkmal gelegt, wie manch anderer Künstler das auch gemacht hat, wenn er seine Werke nicht mehr der Öffentlichkeit präsentieren wollte.


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2 Kommentare zu „Zum Volkstrauertag – Verständnisprobleme für Denkmäler“

  1. wandasohn sagt:

    Endlich, endlich das entscheidende Argument: ein solches Denkmal beleidigt jeden, der sich ein paar Gedanken über die Entstehung von Kriegen gemacht hat.
    Als unbedarfte Neuwürzburgerin habe ich mich vor vielen Jahren sehr gewundert, dass eine Stadt, die doch spätestens am 16. März 1945 begriffen haben sollte, wozu so etwas führt, sich ein dermaßen brutal-dröges und dumpf martialisches Kriegerdenkmal aus der Nazizeit leistet. Alles, alles ging kaputt – und ausgerechnet das haben sie stehen gelassen? Später, belehrt um das Errichtungsdatum 1931, dachte ich nur noch: sie habens doch gewusst – wieso beschweren sie sich alljährlich über die Folgen? Weil sie es immer noch nicht sehen wollen. Sonst wäre die Geist- und Geschmacklosigkeit, ausgerechnet an einem solchen Denkmal der Toten der Kriege zu gedenken, nicht möglich.
    Ich halte heute nichts mehr davon, Zeugnisse einer Vergangenheit, zu der man nicht mehr stehen möchte, abzureißen. Aber vielleicht sollte man einfach mal Frau Summa ranlassen? Ich habe großes Vertrauen, dass ihr ein angemessener Kommentar einfallen würde.

  2. Würzburg und seine Denkmäler « der letzte hype sagt:

    […] deutschen Ideologie zu beschwören, ist nichts neues. Auf eines dieser Denkmäler machte unlängst Berthold Kremmler […]