THYMOLPHTALEIN

20. November 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Seit 2002, Steve Lacys Auseinandersetzung mit Bernhard Langs Komposition »dw 1.2«, trägt das NEW Jazz MEETING des SWR2 die Handschrift des Jazzredakteurs Reinhard Kager. Die von ihm initiierten Projekte – 2003 Daniel Rothmans »Un coup de dés«, 2004 »SEQUEL« mit dem George Lewis Oktett, 2005 »Spin Networks« von fORCH mit einem ganz »fORCHtbaren« Phil Minton, 2006 Franz Hautzinger und sein »Regenorchester XII«, 2007 Fred Frith mit »Clearing Customs« und 2008 das Phantom Orchard Orchestra – eint ein gemeinsames Bestreben: Wie lassen sich musikalische Parameter zeitgemäß fusionieren?

Im Clash von Komposition und Improvisation, von akustischer und elektronischer Klangerzeugung wurden bei diesen Meetings neue Synergien entwickelt und neue Produktionsbedingungen getestet, arbeitsteilig statt hierarchisch, polystilistisch statt puristisch, prozessual statt reproduktiv. An Stelle von Konservatorium und Konzertsaal traten zeitgemäße Environments wie Labor und Spielfeld.

Diese Akzentverschiebung zeigt das Projekt 2009, »Thymolphtalein« von ANTHONY PATERAS (*1979, Melbourne), dessen Premiere am 13.11.2009 im KULT Niederstetten stattfand, schon im Namen. Thymolphtalein ist ein pH-Indikator bei Urintests und hilft, das Verhältnis von Säure und Base zu bestimmen. Entsprechend bekommen die Musikinstrumente dabei Werkzeug- und Maschinencharakter. Pateras selbst stutzt dem Flügel seine Funktionen als Produzent bornierten Wohlbefindens und Kläranlage verbrauchter Gefühle. Massiv präpariert im Stil von Cages »Sonatas And Interludes«, begegnen sich wie auf einem Operationstisch ein rasselnder Buschhacker und klirrende Hektik, ganz ohne Mondschein. Wenige Pianisten stärken sich während dem Spiel auch aus der Bierflasche.

Rechts rappelt Will Guthrie sein mit Alteisen, Federn und Electronics erweitertes Drumset. Natasha Anderson verschwindet hinter einer Kontrabassblockflöte, groß wie ein Totempfahl, der sie, mit klatschenden Schlägen forciert, fiepende oder blörrende Laute entlockt, die sie mit Laptop frisiert. Am effektvollsten ist sie aber mit einem Flötenwinzling und giftigen Trillern, für die ich lange keinen Verdächtigen ausmachen kann. In der Mitte traktiert Clayton Thomas, wie die anderen drei from Downunder (und im w 71 mit AUS bekannt), seinen Kontrabass mit Eisenstäben, flatternden Nummernschildern, Geigenbogen und zarten oder rohen Griffen. Das fünfte Element ist der Franzose Jérôme Noëtinger (Metamkine, MIMEO), der mit Revox B-77-Bandmaschinen scratcht und mit Feedback, Lichtblitzen und sogar eigenen Vokalsamples umeinander geistert.

Das Auge ist oft genug überfordert, die Klänge und Geräusche ihren jeweiligen Quellen zuzusortieren, die, eine alles in allem kurzweilige Stunde lang, 17 exakt vorbereitete Module ausspucken, verbunden durch improvisierte Übergänge. Die Ohren werden bespritzt mit einem Wechselbad aus erruptiven und gedämpften Geräuschen, sogar gewollten Luftlöchern, jedoch auch groovigen Momenten bei kurzen Zwischensprints. Perkussives Stauchen und Dehnen zerknüllt den Klangraum und streicht ihn wieder glatt. Kurze Blickkontakte sorgen für Synchronität und den Zusammenklang von auch mal nur drei oder zwei Spielern. Der Eindruck ist dabei voller unauflöslicher Widersprüche (darauf weist schon Kager ganz zutreffend hin): Denk ich »abstrakt«, widerspricht mir »klangfarbenreich« und »sinnlich«. Spotte ich »Wie Pollock als Malen nach Zahlen«, kontert es »aber spannend«. Moser ich »krampfhafter Hurz«, bumerangt es als »geistesgegenwärtiger Bildersturz«.

Pateras prasselt und knirscht Nancarrow‘sche Cluster wie ein Getriebe unter Temposchwankungen, oder er furzt, heult und knattert elektronisch. Sein Noise ist dabei dezidiert splattrig, während Noëtinger schleifende, ploppende, wooshende Kürzel mit den Fingerspitzen dreht und stoppt, trotz seiner »veralteten« Gerätschaften sehr flexibel und punktgenau. Das zeigt sich gleich noch einmal nach der auch von den Anspruchsvollen mit Wohlwohn aufgenommenen Uraufführung bei einer frei geplinkplonkten Encore. Mir persönlich ist Pateras »Neoklasmus« immer noch – als wär‘s ein weiterer unauflöslichen Widerspruch – zu fixiert auf »Einhorn«-Zucht. Statt immer weiterer Derivate von Webern, Cage, Lachenmann, Ligeti, MEV, SME, MIMEO etc. täte noch etwas mehr Verpintscherung und Exogamie gut.


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