Blackmail

30. November 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Livemusik zu Stummfilm ist mir in guter Erinnerung durch eine grandiose Vertonung von Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari durch Un Drame Musicale Instantané bei einem Würzburger Int. Filmwochenende, lang ist’s her. Die Filminitiative wird diese Tradition aber 2010 mit dem Ensemble ascolta und Filmen von René Clair und Hans Richter auffrischen.

Nun lockte aber erst mal das Studio für Neue Musik am 28.11.2009 mit Alfred Hitchcocks Blackmail (1929) und neuen Tönen von PAGO LIBRE in die Würzburger Musikhochschule. Da sich deren Geiger Tscho Theissing die Hand gebrochen hat, blieb auch der Kontrabassist Georg Breinschmid daheim in Wien, was den zahlreichen Besuchern das Duo von John Wolf Brennan am Piano und Arkady Shilkloper an Horn, Flügelhorn und Büchel bescherte.

Mit Shilkloper war es eine Wiederbegegnung nach 20 Jahren. 1989 hatte ich seinen Auftritt mit Tri-O beim legendären Soviet Jazz Festival in Zürich miterlebt. Seither hat der verblüffend jung wirkende Moskauer mit Mikhail Alperin und dem Moscow Art Trio und seit 1994 mit Pago Libre seinen Ruf gefestigt als schwindelfreier Hornist auf allen möglichen Gipfeln. Von Brennan, Kelte von Geburt und aus Passion, erfahre ich als Erstes gleich mal, dass Lenin als Emigrant in Zürich sich bei der Polizei über ruhestörendes Künstlervolk beschwerte und dass vor seiner Haustür am Vierwaldstätter See echte Palmen wachsen.

Na dann, Vorhang auf: Scotland Yard bei der Arbeit, dann Feierabend. Anny Ondra (spätere Mrs. Max Schmeling) spielt Alice White, erst eine »Miss Up-to-Date«, bald aber »Damsel in Distress«. Da ihr holziger Verlobter, Detective Frank Webber mehr seine Arbeit als ihr Rendezvous im Sinn hat, lässt sie sich von Mr. Crewe in dessen Malerbude abschleppen und dazu verleiten, neckisch im Tutu zu flirten. Typisch Künstler – siehe Lenin – versucht der sie zu vergewaltigen und wird mit einem Brotmesser abgestochen – Urszene für den Psycho-Dusche-Mord und mehr noch Dial M for Murder. Benommen flieht Alice vom Tatort, vergisst aber ihre Handschuhe. Ausgerechnet Det. Webber findet einen davon, will aber – trotz der Vorkommnísse – Alice beschützen. Auftritt Mr. Tracy: Der kleinkriminelle Schnorrer hat den zweiten Handschuh und erpresst das Pärchen, ihm eine dicke Zigarre und ein Frühstück zu spendieren – für den Anfang. Siehe Titel. Webbers Kollegen jedoch fahnden nach Tracy als einem Verdächtigen, und ihm wird klar, dass man ihm die Sache in die Schuhe schieben wird. Tracy verliert die Nerven, flieht durch die Stadt ins British Museum, turnt an der Sphinx vorbei – Mt. Rushmore lässt grüßen – und stürzt durchs Glasdach zu Tode. Happy End? Alice plagt das Gewissen, sie will bei Franks Chef gestehen. Der vertraut sie aber ungehört Franks Obhut an. Sie wird wohl mit der Erinnerung ihrer Tat und mit Frank die Zukunft bestreiten.

Hitchcocks Sarkasmus ist mit Händen zu greifen. Ein von Crewe gemalter Bajazzo ist das Leitmotiv dieser Tragikomödie, die süffisant bis zynisch auf den Künstler = Lustmolch-, blonder Flapper = Bitch-Registern klimpert. Die Musik ist da subtiler, tändelnd das Piano als kokette Alice, grollend das Horn beim inneren Aufruhr der traumatisierten. Das nächtliche London dröhnt ihr in den Ohren, die Hand des Toten greift nach ihr. Wenn der Vater sie am Frühstückstisch bittet, das Brot zu schneiden, während die Nachbarin begeistert über das Gemetzel tratscht, schaudert Alice vor dem simplen Handgriff. Brennan und Shilkloper bieten »Incidental Music« mit viel Einfühlungsvermögen. Sie akzentuieren und interpretieren zugleich, ohne billiges Zeitkolorit. Sie unterstreichen Bewegungen, hängen sich wie Schatten an Charaktere, machen Stimmungen hörbar in den ständig wechselnden Nuancen der verschiedenen Hörner, oder wenn Brennan im Innenklavier harft und an Fäden zieht und so die Saiten »singen« lässt.

Die Stummfilmbildersprache hat zusätzlich zu den von Hitchcock gewollten inzwischen auch ihre unfreiwillig komischen Momente. Aber Alice und ihre blutige Notwehr sind nicht komisch, allenfalls plakativ. Die Musik verbeugt sich vor dieser Sprache ohne Worte mit zwei kleinen Generalpausen an Momenten, in denen – stillschweigend – Entscheidungen fallen. Die Zukunft von Alice und Frank bleibt im Londoner Nebel ungewiss, über der Beziehung von Pago Libre und Alfred Hitchcock aber schien an diesem Abend hell der Honigmond.


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