Freakshow: Little Women

5. Dezember 2009 | Autor: Rigobert Dittmann

Irreführender als Little Women aus Brooklyn kann man sich kaum taufen. Das Quartett erntet daher schon verwunderte Blicke von der Kellnerin im Würzburger Omnibus, bevor es an diesem Montagabend, den 30.11.2009, einen Ton von sich gibt. Aber die »Renegade Jazzer« sehen nun mal den »Little Women« im Film, Katherine Hepburn (1933), Liz Taylor (1949) oder Winona Ryder (1994), nicht sehr ähnlich.

Als um 9 p.m. die üblichen 20 Verdächtigen vollzählig sind, bricht mit einem Kavalierstart etwas über sie herein, was auch Hartgesottene die Luft durch die Zähne ziehen lässt. Travis Laplante (Tenorsaxophon) & Darius Jones (Altosaxophon) stoßen – vor (!) der Bühne offensiv aufgestellt – schrill in ihre Hörner, und der Drummer Jason Nazary und Andrew Smiley an der Gitarre scheppern und fetzen, was das Zeug hält. Ich hab’ schon Einiges gehört, aber noch kaum so atonal, so krätzig, so ostinat, und so rabiat die Genfer Konvention missachtend, dass ich in den 50 Minuten, die diese Mars Attack anhält, nicht weiß, ob ich lachen oder schreien soll.

Nach einigen Minuten wenden die Bläser sich einander zu, Laplante mit aufgerissenen Augen, als ob er Jones hypnotisieren wolle. So verhaken sie ihre Hornstöße ineinander, jetzt nicht mehr mit Dauerschrillen, sondern mit pumpendem, verkantetem Honking. Dann Break, damit sich Nazary und Smiley – was für ein Name für eine Splitterbombe – mit spastischer Querschlägerei und hackendem Geschredder beharken. Aber der Wahnwitz hat Methode und Struktur, jede Wendung MUSS so sein. Die Bläser attackieren erneut frontal, wieder hartnäckig, wie unter Wiederholungszwang, rammdösig oder fräsend. Doch dann stimmen sie auch gedämpftere und einmal sogar ganz unerwartet hymnische Töne an, die dem Geist von Albert Ayler huldigen.

Es ist urbanes Voodoo, das der Jazztradition brachial die Knochen bricht, um am Mark zu lutschen. Jones tanzt Pogo und da ist allerhand Masse in Wallung. Smiley kratzt und schrappelt seine Saiten als wären es fünf heiße Drähte zur Hölle. Diese Rhythm Section ist ein einziges Helterskelter aus ineinander verkrallter Widerborstigkeit. Jede Phase des Sets treibt ihr Argument bis zur Zumutung. Dabei eher tough als pathetisch. Bis hin zu einem orgiastischen Finale, bei dem  Laplante und Jones auf Knien wie brünftige Seeleoparden in ihre mundstücklosen Instrumente stöhnen, bis man im Publikum nicht mehr weiß, wo man mit sich hin soll. Das zielt krass an gängigen Unterhaltungserwartungen vorbei, fast anstößig in seiner so selbstverständlichen Hingabe an Kakophonie und Intensität. Ich muss unwillkürlich grinsen, mir prickeln Haut und Haare, weil sie verstehen, was der Verstand nicht fassen kann. Das ist Musik, für die unter dem Konkurrenzdruck in Brooklyn Konventionen pulverisiert werden. Das ist Musik, von der die Feldmaus träumt, wenn sie im Schlaf »Weltniveau« wispert. Das ist Musik, bei der Würzburg über seine Verhältnisse auflebt und wirklich tierisch Spaß macht.

Einige Krautheimer Weizen später zeigen Nazary, Jones und Laplante im Jam mit einer schüchtern-coolen Tenoristin und einem Kontrabassisten, blutjungen Old School-Eleven, dass sie weder Jazz- noch Menschenfresser sind. Für drei Standards verwandelt sich Mr. Hyde wieder in Dr. Jazz. Die Gentlemen von Little Women, wahlweise mütterlich und extraordinär.


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