Kino holt Zuschauer ab

15. Januar 2010 | Autor: Joachim Fildhaut

36. Internationales Filmwochenende – Das erste Ereignis im kulturellen Jahreskalender der Stadt zeigt neues Profil. Mitgestalten kann jeder. Ein Gespräch mit dem Filminitiative-Sprecher Hannes Tietze.

Das Internationale Filmwochenende legte lange einen Schwerpunkt aufs Kino aus dem romanischen Sprachraum. Wohin hat sich euer Image inzwischen entwickelt?
Unser langjähriger Vorsitzender Berthold Kremmler war studierter Romanist, daher war unser erster Schwerpunkt natürlich geboren. Aber diese Konzentration auf italienische und französische Filme hat sich durch unsere Mitarbeiter weiterentwickelt, die andere Länder ins Spiel bringen. Dieses Jahr zeigen wir zum Beispiel einige Independent-Streifen aus den USA, denn wir haben neue Mitarbeiter, die sich speziell dafür interessieren und darum kümmern.

filmwochenende

Arbeitet die Filminitiative letztlich nach einem Zufallsprinzip?
Man kann das Filmwochenende schlecht mit anderen Filmfestivals vergleichen, weil es völlig anders strukturiert ist. Wir haben keinen festen künstlerischen Leiter und keine feste Jury, sondern Einzelstreiter, die die einzelnen Länder sehr gut abarbeiten. Wir legen allerdings Wert drauf, dass möglichst viele Mitarbeiter die Filme vorher sehen. Je nach Interessen setzen sich dann verschiedene Runden zusammen und treffen Entscheidungen. Wir spielen nicht für Profis und die Presse wie die Berliner, sondern für unser Publikum. Deswegen haben wir dieses sehr breite Programm, nicht spezialisiert auf Kinder-, Dokumentar-, Kurzfilme und das Kino aus bestimmten Ländern.

Entsteht da nicht der Drang, das Festival immer mehr zu vergrößern, um diese Vielfalt besser zu verwirklichen?
Nein, aber es ist schwer, das Filmwochenende zu verkleinern.

War das eine Option nach dem Auszug aus dem Corso?
Ja, aber wenn man in einer Sparte einen Wettbewerb organisiert, gibt es keinen Sinn, beispielsweise nur zwei Kinder- und Jugendfilme zu zeigen. Da musst du eine gewisse Auswahl bieten. Wenn das Gesamtfestival schrumpfen soll, hat man die Schwierigkeit, dass womöglich eine Kategorie ganz abgeschafft werden müsste. Und ich möchte keinem Mitarbeiter sagen müssen: Okay, wir haben beschlossen – dein Ressort gibt’s nicht mehr. So kann man mit Ehrenamtlichen nicht umgehen.

Popmusik spielt eine große Rolle im Begleitprogramm. Eine bewusste Entscheidung?
So etwas wächst im Lauf der Zeit. Die Band »Naked Lunch« sollte den Film »Universalove« schon im letzten Jahr live begleiten. Das hat terminlich nicht geklappt, aber die Gruppe hat schon ganz alte Verbindungen zu Würzburg und blieb uns zum Glück erhalten.

Ließ sich die Posthalle für diese Sonderveranstaltung leicht gewinnen und liegt hier vielleicht die Zukunft – zusammen mit der Frankenhalle?
Wir kooperieren ja schon länger mit dem Jugendkulturhaus Cairo, und von dort gibt es gute Verbindungen zur Posthalle. Mit der Fankenhalle plane ich zur Zeit nicht, da steht alles noch in den Sternen. Wir können nach der Schließung des Corso immer nur ein Jahr im Voraus planen: Den Vertrag mit dem Cinemaxx haben wir exakt für 2010.  Wir wissen noch gar nicht, was nächstes Jahr ist. Planungen darüber hinaus kann man gar nicht Planungen, sondern nur Luftschlösser nennen.

Keine Routine! sagten die Macher der Trash-Film-Nacht, und hörten auf, als es am schönsten war. Bedauern Sie das?
Nun, das hatten die Macher genau so geplant: aufhören, bevor es zu mainstreamig wird. Deswegen haben sie letztes Jahr mit »Die Stadt ist unser Kino« schon etwas Neues angefangen, hatten aber dieses Jahr zu wenig Zeit für eine Fortsetzung. Trotzdem gedeiht die Kooperation mit dem Cairo, mit den Kulturkneipen Standard und Pleicher Hof.

Wollt ihr das junge Publikum dort abholen, wo es in der Szene rumhängt?
Das Standard ist seit Jahren Festivalkneipe, und der Pächter will schon lange, dass wir auch mal eine Veranstaltung bei ihm machen. Jetzt hat das endlich geklappt. Es hat sich einer gefunden, diese Musikvideo-Party zu organisieren. Es ist ja überhaupt das Fundament des Festivals, aus der breiten Basis von Aktiven und Interessierten Anregungen aufzugreifen, im Programm, in Kooperationen, im Drumherum.

Läuft das heuer nicht auf etwas zu viel Fete raus?
Nein, nein – wir haben auch das Studio für Neue Musik als Partner gewonnen. Zu vier stummen Experimentalfilmen wird die Musikgruppe »ascolta« Stücke spielen, die eigens für diesen Anlass komponiert wurden. So eine aufwändige Produktion können wir nur mit Hilfe der Musikhochschule schultern.

Dank Digitaltechnik kann jeder Computerbesitzer einen Spielfilm machen. Merkt ihr etwas davon?
Oh ja! Wir bekommen sehr viel mehr Bewerbungen, schon weil man eine DVD leicht verschicken kann. Und es machen wirklich viel mehr Leute eigene Filme, weil es nicht mehr so teuer ist. Die Ergebnisse sind häufig entsprechend, so dass man sich manchmal wünscht, Filmmaterial würde wieder mehr Geld kosten.

Fehlt es den Laienfilmern an Phantasie oder an der Kunst zu erzählen?
Manche haben sich zwar Technik angeeignet, aber die Ästhetik hinkt dem leider hinterher. Trotzdem wollen wir in jede dieser irrwitzig vielen Einsendungen zumindest einmal reinschauen.

Wie lange?
Man kann nicht alle Filme komplett anschauen. Selbst professionelle Festivals mit einem Personal, das die Bewerbungen in seiner bezahlten Arbeitszeit ansehen kann, haben mittlerweile vor der Flut kapituliert und geben zu, dass sie nicht mehr alle Einsendungen anschauen können. Große Dokumentarfilmfestivals kriegen über 1000 Filme zugeschickt.

Wie schnell kann die Filminitiative Würzburg Schrott erkennen?
Schwierig. Der typische Sichtungsabend läuft so ab, dass man reinschaut, und oft sagen nach ein paar Minuten alle Anwesenden einhellig: Nimm das raus aus dem Player! Wenn das Handwerkszeug fehlt, erkennt man das in ein paar Minuten. Wenn man länger hängenbleibt oder wenn einer sagt, er würde das noch gern weiterschauen, dann nimmt’s einer mit und stellt den Film später vielleicht noch einmal zur Diskussion.

Wieviel Programmanteil geht auf Bewerbungen zurück und wieviel wird von euch recherchiert?
Der Bewerbungsanteil liegt bei Langfilmen niedrig, etwa bei zehn oder 20 Prozent. Für das Gros der Streifen sprechen wir die Regisseure oder Produzenten direkt an oder haben sowieso unsere Kontakte. Bei Kurzfilmen liegt die Quote höher.

Welche Tendenz des deutschen Gegenwartskinos fällt Ihnen besonders auf?
Die Lage der Filmemacher ist in Deutschland vor allem wegen der Fördergremien schwierig: Wer Erfolg hat, wird auch belohnt. Aber neue Talente wird man auf die Art selten entdecken. Weswegen muss man Til Schweiger für seinen vorprogrammierten Hit »Zweiohrküken« mit exorbitanten Summen fördern? Deutschland schielt immer nach Hollywood, nach Premieren und rotem Teppich. Aber so findet man nicht die großen Leute. Die in Hollywood großgeworden sind, haben auch nicht mit Publikumsreißern angefangen, sondern meist mit eher schwierigen Filmen. – Und in Deutschland wird viel über die Fernsehanstalten gefördert, die stark in die Projekte eingreifen.

Und welche inhaltlichen Trends lassen sich ausmachen?
Viele junge Regisseure kommen nicht darüber hinaus, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Erst wird viel Nabelschau betrieben, und dann kommt nichts mehr von ihnen. Deswegen ist eine bestimmte Schauspielerriege immer wieder zu sehen – die Alter Egos der Regisseure und Drehbuchschreiber! Aber ich will nicht zum hundertsten Mal Anfangdreißiger sehen, die ihren Weg im Leben suchen.

2010 läuft das Filmwochenende erstmals ausschließlich im Cinemaxx. Welche Beobachtungen gab es bisher an dieser Spielstätte?
Die Verlagerung bietet auch echte Chancen: Wir haben mehr Platz durch die Foyers, die Einrichtungen sind hervorragend in Schuss und die Projektionstechnik ist auf der Höhe der Zeit.

Viele Cineasten sind skeptisch. Ins Cinemaxx gingen weniger Besucher als ins altgewohnte Corso.
Das ist nur zum Teil richtig, und dieser Teil täuscht dann auch noch. Denn: Wir konnten nur im Cinemaxx digital projizieren, nicht im Corso. Deswegen wurden oft Nischenfilme, die es nur digital gespeichert gab, im Multiplex gezeigt und hatten dort natürlich bloß ein kleineres Spezialpublikum. Aber das ist nur der eine Teil. Bei beliebten Filmen sind auch die Massen ins Cinemaxx geströmt.


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