Freakshow: CHILD ABUSE

24. Januar 2010 | Autor: Rigobert Dittmann

Als musikalischer Einstieg ins Jahr 2010 führt das Brooklyner Trio CHILD ABUSE im Würzburger B-hof am 9. Januar den mathematischen Beweis, dass Rock‘n‘Roll heute nur eine Fortsetzung von Rock‘n‘Roll mit anderen Mitteln sein kann. Ganz anderen.

Angekündigt als »post-millennial mathemagicians« wenden Luke Calzonetti an den Keyboards, Oran Canfield an den Drums und der schon von The Hub uns bekannte Bassist Tim Dahl für diesen Beweis nicht das kleine oder große, sondern das wilde Einmaleins an. Simpelste Riffs, scheinbar ein Kinderspiel aus 1-2-1-2-3-Schritten und ABC-Griffen eskalieren im Handumdrehen zu vertrackt verzahnten Repetitionen, Kniebrechtaktwechseln und wohl berechneter Kakophonie.

Nennt es »Spazzo« oder »Anarcho« Grindcore, nennt es »Idiot-savant Fusion« oder Maximalismus. Wie Calzonetti da mit Geierkrallen auf die Tasten hackt oder einfach übers ganze Keyboard hin und her kratzt, wie er mit den Pedalen Noiseeffekte lostritt, wie er dann auch in seinen hautengen Bluejeans auf die Monitorboxen stakst und unverständliche Parolen ins Mikrophon bellt, das ist der »Funky Chicken«-Groove für Unerschrockene.

Die Würzburger Freakshow-Klientel treffen diese krassen Lektionen, dank The Hub, The Molecules, Raxinasky, Testadeporcu et al., nicht unvorbereitet und werden quittiert mit anerkennendem Grinsen. Canfield ist der taktverlässliche Anchorman des Trios, der punk(t)genau die irrwitzigen Springprozessionszuckungen und -wendungen hämmert. Wer aber versucht, Tim Dahls Finger im Auge zu behalten, dem schwindelt. Ich war in der Ankündigung über den Namen Eric Dolphy gestolpert, nun finde ich dessen Bocksprünge auf der Bassklarinette in Dahls Basskapriolen wieder. Immer wieder beginnt auch er zuerst mit simplen und wiederholten Griffen, schiebt dann Slidenoise und jaulende Glissandos ein und große Intervalle. Dabei spuckt sein Bass Fuzzsound der dreckigen Sorte aus, oft bis zur Ununterscheidbarkeit verzahnt mit den Keyboards, da beide Ringmodulatoren und Distortion einsetzen. Aber dann beginnen Dahls Finger zu trillern, zu springen und zu arpeggieren, dass man mit der Belichtungszeit seiner Pupillen kaum noch hinterher kommt (und das, obwohl er sich tags zuvor Magenläuse einfing und sich schlapp fühlt).

Krasser Sound. Freilich nicht ganz unerwartet bei jemandem, der zu »Kindesmissbrauch« Vampire Weekend assoziiert. Erst bei der Zugabe verspielt er sich. Von daheim sind die Drei Zugaben nicht gewohnt, die werden allenfalls in Europa gefordert und insbesondere auch im B-hof erklatscht, dass sogar noch eine virtuose Zugabe zur Zugabe draufgesattelt wird. Auch wenn die »Gesänge« nicht zu verstehen sind, die Botschaft versteht man mühelos – »Violent Utopia«! Wer so irregulär tickt – aktiv als Band oder zustimmend als Hörer –, der taugt nicht als Fußabstreifer, der tickt als Tretmine gegen die ungenierten Trampeleien eines Systems, das auf Unzucht mit Abhängigen basiert.


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