Bunte Waldmenschen

15. Februar 2010 | Autor: Joachim Fildhaut

Viel Tamtam um neues Musical am Mainfranken-Theater

Frank Felicetti ist ein Tausendsassa. Besonders gut behauptet er sich als Schauspieler-Sänger in fetzigen Musicals auf diversen Gastbühnen. Nun hat er selbst eins geschrieben und auf der mainfränkischen Regionalbühne untergebracht, auf der er einst gute Figur als Gast im »Kleinen Horrorladen« machte.

»Es ist nur eine Legende«, werben die Plakate für »Goscior, der Zwischenweltler«. Es ist nur ein Märchen, so lässt sich das Genre umreißen. Eine gierige Frau klaut den Kobolden ihren Überlebens-Rubin, ihr Freund wird geschnappt und zur Strafe in einen Halbgnom, eben den Zwischenweltler Goscior verwandelt. Mit seiner Trollvisage ein Außenseiter, erfährt er die Bosheit der Menschen. Die sind überhaupt dermaßen korrupt und dumm, dass Goscior am Ende gern bei den ökologisch korrekten Kobolden bleibt, deren rotstrahlendes Lebenslicht irgendwie zurück in ihre Verfügungsgewalt gelangte. Das geschieht anscheinend hinter der Bühne, wie der Zuschauer ohnehin nicht allzu streng überall nach einer Handlungslogik bohren sollte.

Überstunden für Maskenbildner – die haben jedes Waldwesen individuell hergerichtet und dabei ebenso Ansehnliches geleistet wie Kostümschneiderei und Lichttechnik. Eine siebenköpfige Pop-Band begleitet das Geschehen, das mit etlichen witzigen Dialogbemerkungen daherkommt.

goscior

Außen grimmig, innen öko: Die Trolle warten auf ihren Erlöser.
Foto: Falk von Traubenberg

Es ist ein Märchen. Von der naiven Volkskunst übernahm Felicetti die Unbedarftheit beim Bau des Plots, von der Popmusik die Songformen zwischen Ballade und Rock’n’Roll. Der Autor, im »Horrorladen« als fleischfressende Pflanze ebenso packend wie als sadistischer Zahnarzt, tritt in Würzburg wieder als Gast auf, sogar in einer führenden Trollrolle. Er sticht auch einige Male aus dem Chor dieser Waldmenschen hervor, hat aber kein Solo.

Das Ensemble ist auch ohne ihn wirklich sehr gut bei Stimme, stößt aber an Grenzen, die Felicetti in seiner Rolle als Nachwuchskomponist zog. Den Liedern fehlt musikalisch der letzte entscheidende Kick, schon was ihre innere Dramatik anbelangt. Das Finale gibt ein Musterbeispiel: »Schöne Grüße aus dem Wald!« könnte mit seinem Refrain richtig rausplatzen; dann würde es allerdings dem – melodisch und rhythmisch ähnlich geführten – »Time Warp« aus der »Rocky Horror Show« gar zu ähnlich, und folglich ließ der Komponist Strophe und Refrain auf gleichem Energielevel singen.

Das große Manko ist strukturell: Kein einziger Song trägt zum Fortgang der Handlung bei. Dabei stecken die Begegnungen voller Sprechakte: Es wird sich bekannt gemacht, gedroht, verzaubert, geschworen und geliebelt. Alles Eins-a-Anlässe für zugkräftige Musicalnummern. Und: Erst wenn singend Action vorangetrieben wird, kann Musiktheater richtig abheben. Dieser wichtigste Effekt bleibt in Würzburg aus. Das Premierenpublikum spendete recht viel Beifall. Aber »Goscior« wird kaum ins Musical-Repertoire des Landes aufsteigen.


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2 Kommentare zu „Bunte Waldmenschen“

  1. Anonymous sagt:

    […] »Es ist nur eine Legende«, werben die Plakate für »Goscior, der Zwischenweltler«. Es ist nur ein Märchen, so lässt sich das Genre umreißen. Eine gierige Frau klaut den Kobolden ihren Überlebens-Rubin, ihr Freund wird geschnappt und zur Strafe in einen Halbgnom, eben den Zwischenweltler Goscior verwandelt. Den originalen Beitrag finden Sie hier http://www.zunderderblog.de … | Joachim Fildhaut […]

  2. Carsten Peter Currier-Elbert sagt:

    Ich war drin. Am Premieren-Abend. Ich glaube nicht, dass das Musical ein strukturelles Problem hatte, sondern ganz klar ein ton-technisches Problem. Wer wie ich, dass Buch gelesen hat, wird verstehen was ich meine. Sehr viel vom Sprachwitz und den versteckten Seitenhieben kamen leider nicht ‚rüber. Schade.

    Was mich sehr begeistert hat, dass Würzburg das haus-eigene Ensemble so hervorragend genutzt hat. Ich habe keinen zusammengewürfelten Casting-Haufen gesehen, sondern Schauspieler die offenbar sehr großen Spass an dem hatten, was sie da auf der Bühne gespielt haben. Die Leistung – besonders die vielen Rollen in die die wenigen geschlüpft sind – war bemerkenswert.

    Das Musical selber, ist in seiner Art und einmalig. Es ist bitter böse und zugleich lieblich und anschmiegsam. Es zitiert ständig aus dem Bekannten, gibt aber durch Ironie und der Ohrfeige gegen unsere ach so ‚perfekten Gesellschaft‘ einen erfrischenden neuen Rahmen. Die Inszenierung gibt durch seine multimediale Vielfalt (Licht, Film, Ton) ein sehr spannendes Umfeld. Herr Stengele hat alle Register der Unterhaltung gezogen. Wie ich meine, gute Unterhaltung.

    Es wäre nur fair, dem Musical eine Chance zu geben. Würzburg hat da was ganz tolles gezaubert. Ein Reise wert? Auf jeden Fall!