Freakshow: Watch Your Steps

2. März 2010 | Autor: Rigobert Dittmann

Als kleine Alternative zum LaBrassBanda-Fieber in der Posthalle bot sich uns Würzburgern am 24. 2. 2010 im Pleicher Hof HEINZ KARLHAUSEN & THE DIATONICS. Als um Zehne mit stau-bedingter Verspätung die »Ouverture« erklingt, ist schnell klar, dass das eine mutige, aber keine schlechte Entscheidung ist, denn die drei Schulschwänzer des Rotterdamer Musikkonservatoriums erweisen sich als nicht weniger virtuos wie der schmissige Chiemgauer Balkanbrassverschnitt und als musikalisch nicht weniger pfiffig wie ihr Bandname.

Der klassische Einstieg mit bombastischem Orchestergetöns kippt nämlich abrupt in rasantes Drumming des langmähnigen Holländers Friso Van Wijck mit Doublebassdrumgeboller zu Höllenlärm von Goncalo Almeida an E-Bass und Electronics und quiekendem Tenorsaxgerotze von Daniele Martini. Die beiden können zwar auch anders, etwa in Tetterapadequ, einem gern in Pfützen stapfenden portugiesisch-italienischen Jazzquartett mit Pianogouvernante und einem Release auf dem renommierten Label Clean Feed. Hier jedoch wüten sie als Jazzcore-Stoßtrupp, dem die Gesinnungsgenossenschaft mit Squartet, The Flying Luttenbachers, MoHa! und vermutlich Stock, Hausen & Walkman die Hemmungen genommen hat. Van Wijck sitzt zwar so aufrecht wie ein Dressurreiter, aber was er da aus den Handgelenken an Rimshots, Tom Tom-Gewitter und Cymbalclashes um sich pitcht und mit gezielten, gut dosierten Salven aus dem Fußgelenk triggert, das lässt Kellerasseln kollektiv den Darm entleeren.

Hauptlärmquelle ist aber der Portugiese mit seinen Basseffekten oder mit Krankenwagensirene und Tonbandstimme (treffend »Urban assault to mental institute« betitelt) und überhaupt stechender Kakophonie, die an der Rechtwinkligkeit der Verhältnisse zerrt. Martini vexiert zwischen Feuerspuckerei und per Pedal verzerrtem Gebläse nach Lehrbüchern mit Makruh-Stempel.

Mit »Watch Your Steps«-Rufen stacheln die Drei sich gegenseitig an zu furiosen Breaks und Kniebrechkapriolen inmitten eines stumpfen Loopkratzers. Den Jazz, den sie so auf die Schippe nehmen, den säuselt Martini kurz auch mal und Van Wijck rührt dazu brav die Besen, aber nur um das Stück Accelerando und Ritardando zu zerrspiegeln. Für einige der Feinheiten, etwa wenn Van Wijcks kleine Rasseln aus imaginären Walnussbäumen klopft, ist der Sound leider zu laut. Unüberhörbar ist jedoch der ambitioniert ausgetüftelte Zuschnitt dieser Musik.

Zum Finale gibt es das dröhnende »John Fuckin‘ Wayne«, das Martini schön schräg nur mit dem Mundstück bequäkt. Die tapferen zwei Dutzend mit Sinn für Alternativen lohnen‘s mit einhelliger Zustimmung.


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