Freakshow: ARTROCK-FESTIVAL 2010

24. März 2010 | Autor: Rigobert Dittmann

Mit den Krokussen werden auch die Progies munter und versammeln sich am 20./21. März in der Würzburger Posthalle. Neue Location, altes Spiel. Als Einstimmung in den Freak-üblich verspäteten Beginn kann man eine Betonwandidylle anstarren, das Ambiente in Bahnhofsnähe ist halt so. Aber das Warten wird belohnt mit ACCORDO DEI CONTRARI, einem keyboardgeführten Italo-Vierer, der zum Auftakt gleich etwas Besonderes bietet. Giovanni Parmeggiani, Marco Marzo an der Gitarre, der Skinhead Daniele Piccinini zentral postiert am Bass und Cristian Franchi an den Drums haben bis auf‘s i-Tüpfelchen Achim Breilings Babyblaue-Seiten-Review des Debüts einer obskuren Band namens Accordo Dei Contrari als Leitfaden genommen und Punkt für Punkt vertont: … symphonisch-progressiver Jazzrock mit Klassikinspiration, der deutlich in die 70er Jahre schielt und daher mit crimsonesken Retroelementen, einigen Canterbury-Reminiszenzen und einem Schuss Mahavishnu Orchestra angereichert … sehr vorhersehbar … leidlich unterhaltsam … so richtig spannend und mitreißend aber auch nicht …

Das Konzept, ausgerechnet die ordentlichste Produktion des renommierten Labels AltrOck, dem man so Außerordentliches wie Yugen, Rational Diet und miRthkon verdankt, zugrunde zu legen, hat intellektuell etwas Bestechendes. Dem Eindruck, dass sich mit dem koketten Begriff »Freak« Mathelehrer und Konservatoren tarnen, dem widerspricht das leider nicht.

Danach BEARDFISH aus Schweden, Magnus Östgren – Drums, David Zackrisson – Gitarre, in der Mitte Robert Hansen am Bass, ein blonder Elfling auf Socken, der immer wieder als enthusiastischer Moondancer über die Bühne fegt, und vor allem der üppige Rikard Sjöblom, abwechselnd als Orgler und Gitarrist, durchwegs als Sänger. Sein helles Timbre, ausgiebig eingesetzt wie bei Genesis oder Gentle Giant, garantiert allein schon Retro-Feeling. Aber weder das noch die weiteren Anklänge an ELP oder was auch immer stehen nicht für Nostalgie pur. Dafür haben es die Jungs zu faustdick hinter den Ohren. Textlich dominieren Pathos und Teenage Angst, Sjöblom singt von Einsamkeit, Unverstandensein, von nächtlichen Anflügen von Depression und Wahnsinn. Aber die Musik widerspricht mit rockigem Drive bis hin zu heavy, besonders bei einem neuen Stück, aber doch paradox unschwerfällig. Dafür sorgen verblüffende Be- und Entschleunigungen, zappaeske Kapriolen, etwas Collagen- oder Zitathaftes, das selbst einen kleinen Walzer wagt oder kurz einen Swing anreißt. Exemplarisch kommt das in »Abigail’s Questions (In An Infinite Universe)« zusammen, auch die existenzielle Grundstimmung, wie bei Musils jungem Törleß, dem vor der Unendlichkeit schwindelt, aber dann folgt eine vertrackte Instrumentalpassage, die einen mit unvermuteten Wendungen gleich mehrfach aus dem Gleis kippt. Ich schlage daher vor, dass Beardfish und Accordo die Namen tauschen, die Italiener bekommen den Bart, die Schweden den Hut, unter dem sie ihre Widersprüche zusammen halten und etwas erwachsener wirken können.

Jetzt, als Primus inter pares, die Soleil-Zeuhl-Formation NEOM, die mit Carole Duchene Sauvage am Fender Rhodes die erste Frau auf die Bühne bringt. In ihrem Muscle-Shirt erinnert sie an die Alien-Heldin Ripley. Daneben ein kahler Meister der Christian-Vander-Schule, ein stattlicher Stammeskrieger mit markanter Pferdeschwanzfrisur am Zeuhl-Bass, und vor allem der zierliche Mastermind des Ganzen, Yannick Duchene Sauvage, an der Gitarre und als Sänger der besonderen Art. Mit einem kurzen Stück führt die Band in ihre eigentümliche Ästhetik ein, die geprägt ist durch eine helle, beschwingte Vokalisation, die abseits von Magmas Kobaianisch oder den Eskaton-Gesängen einen eigenen Ton anschlägt. Voll entfaltet sich Neom dann mit der Aufführung ihrer ambitionierten Artrock-Suite »Arkana Temporis«, einem nahezu einstündigen Monsterstück, das alles aufbietet, was Artrockverächter echauffiert – heiligen Ernst, prätentiöse Manieristik himmelhoch über selbstgefälligen Banausentum. »Magma light« trifft es insofern gut, nicht weil Neom einen Abklatsch präsentiert, sondern eine helle Gegenwelt entfaltet. Dabei ist die vokale Lüftlmalerei durch den knurrigen Bass durchaus zeuhlgerecht geerdet. Aber die gläserne »Vibes«-Tüpfelei des Keyboards, der immer wieder funkendurchblitzte Cymbalklang und vor allem die mit »sprechenden« Händen unterstützte Swingle-Singers-sing-Nusrat-Fadeh-Ali-Khan-Vokalisation geben Neoms Musik etwas Schwereloses und Flüssiges. Immer wieder branden Debussyeske Repetitionen an. Ständige An- und Entspannung türmt Massen unerlöster Akkorde. Dieser Aufschub, dieses bewusste Dämpfen von Ejakulationsdrang ist purer Sex, freilich kamasutrisch abseits von Karnickel- und Rockistenpraxis. Umso schöner dann die finale Erlösung, zurecht mit Standing Ovations bedankt, wenn auch nicht von allen.

Sonntagmittag tischt dann CAMEMBERT, ein Septett aus Straßburg, französischen Weichkäse auf. Vincent Sexauer – Gitarre, Philémon Walter – Drums, Guillaume Gravelin als bärtiger Harpus, Bertrand Eber – Trompete, Didgeridoo & Gong, Julien Travelletti – Bassposaune, der umtriebige Fabrice Toussaint an Posaune, Vibes, Congas & Percussions und nicht zuletzt der pudelbemützte E-Bassist Pierre Wawrzyniak als launiger Moderator der außerirdischen Erderkundung im Camembert-UFO starten einen »clacosmischen« Travelogue über die Weichzonen von Jazz und anliegender Grenzgebiete hinweg. Funky überquert man den Nordwesten, groovy karibisches Blau, man folgt australischen Songlines, halluziniert im Kameltrott eine Oase. Nicht nur da umgaukeln einen Luftspiegelungen. In Camembert-Perspektive ist die Welt ein Fließen, das sinnverwirrend aromatische Duftfäden zieht und klangverliebt gewürzt wird mit perkussiven Akzenten. Vibraphongeklöppel, Congatamtam, Triangelpings, akustische Gitarre, Throatgesang und einzelne Gongschläge, dazu immer wieder ungewohntes Harfengeplinke, kaleidoskopieren ein facettenreiches »It just smells funny«, das speziell Gourmets lächeln lässt, deren Nasen Spurenelemente von »Suzy Creamcheese« und Camembert Electrique erschnüffeln.

Es folgt PHLOX, eine seltene Begegnung mit Irgendwas made in Estland. Raivo Prooso – E-Bass, Pearu Helenurm als Keyboarder mit dreckig-speckigem Sound, Kristo Roots – Guitar und Madis Zilmer sehr dynamisch an den Drums, allen voran aber Kalle Klein, ein undefinierbar androgynes Wesen an hauptsächlich Sopran- und alternativ Altsaxophon, blasen einen in die Blütezeit paraphernalischer Jazzrockerei, wie ich sie zuletzt in den frühen 80ern mit gutem Gewissen gehört habe. Mit rührender Selbstverständlichkeit fusioniert wuchtige Dynamik mit harmonischen Schlangenlinien, Rockpower mit schwelgerischer Melodienseligkeit, leider im schlichten Thema-Solo-Solo-Solo-Reprise-Reigen. Ein besondere Note bringt Allan Prooso ins Spiel mit Tambourin und Perkussionsfinessen, die aber nur bei Kleins einzigem Far-out-Solo, das er wie ein Frosch beknarrt, richtig gut einschlagen. Mir wird in Sopranohöhe die Luft sowieso etwas dünn und ich statte daher vorzeitig der Betonwand draußen einen Besuch ab.

Woher nehme ich nun aber die Worte, um die Krönung des Wochenendes zu würdigen? JERSEYBAND nennt sich etwas, das sich bereits beim Sturm auf die Bühne als Wahnsinns kesse Bräute entpuppt. Hätte Ed Wood eine Band gegründet und da auch im kleinen Schwarzen keusch Gitarre gespielt, hätte sie vielleicht diesem Septett geähnelt. Unter Aufsicht einer rundlichen Duenna (Brent Madsen – trumpet) umschwänzeln eine Koralle und ein hohlbrüstiger Surfer (Matt Blanchard & Ed RosenBerg – tenor sax) und einer, der bei der Brautwerbung schon beide Ohren eingebüßt hat (Ted Poor – drums) drei Ladies in top-schicken Cocktailkleidern (Alex Hamlin – baritone sax, Mike Chiavaro – bass, Ryan Ferreira – guitar), die als Steve Buscemis schöne Schwester, als burschikose kleine Knospe mit Spängchen im Haar und als mondäne Bearded Lady für Sinn- und Sinnlichkeitsverwirrung sorgen. Der hirnsprengenden Aufmachung entspricht eine Musik, die Metal in Brass übersetzt, präsentiert in schnittiger Choreographie und mit einem Unernst, der permanent kollidiert mit Bläserarrangements, seriös und stubenrein genug, um in Kirchen, bei höfischem Zeremoniell oder auf Freakshows zu erschallen. Hier schießt nichts nicht quer. Das Wechselbad ist gnadenlos, die Präzision so stupend wie die Simplizität, vieles im Rock und Jazz Verpönte selbstverständlich. Dazu ist Miss Ferreiras Gitarrenspiel so extravagant unterkomplex, dass jedem klar werden muss: Das ist hier nichts für kleine Jungs. Madsen grollt gelegentlich so hardcore wie etwas, wegen dem man einen Exorzisten ruft. Stakkatos punchen die Luft, Stan Kenton-Bläserriffs signieren sie mit Zorro-Zs. Einen Atemzug später schmeichelt eine Trompetenmelodie, die einem spanisch vorkommt, Männchen & Weibchen turnen stramme Saxübungen oder Standbilder, und schon wird wieder aus vollen Lungen gebolzt und geröhrt. RATATATA RATATATA. Highlights sind ein provokantes »Gitarrensolo« und noch einmal eine schnippische Improparodie, die nur imaginäre Fussel vom Kleid wischt, während der Drummer über die Becken hinwelkt. Die simplen 4/4 von »Rats in Boxes (Pidgeons in Boxes)« dürfen wir mitsingen. Wer wollte nicht als Spatz solchen Ladies aus der Hand picken, wenn sie zuletzt noch singen: I‘ll make you dinner if you wa-ant. Enttransvestiert sind die netten Jungs aus New York dann kaum wiederzuerkennen. Verrückte Welt. Nur eins ist klar: Play it again, Charlotte.


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