Freakshow: I‘m a creep, I‘m a loser

25. März 2010 | Autor: Rigobert Dittmann

Am Montag, den 22. März 2010, werden die Reste des Artrock-Festivals zusammengekratzt, mit Jungvolk aus der Cairo-Szene aufgefrischt, und dort in die nur gummizellengroße neue Studiobühne gepackt, aus einem einzigen, aber besonders guten Grund: TALIBAM! Mit M! ist das ein Brooklyn-erhitzter Monstermash aus dem rasenden Kevin Shea, der mit Mostly Other People Do The Killing auch angesagtesten Jazz trommelt, und aus Matt Mottel als Synthietriebtäter und einer, der dem Kapitel »Drum singe, wem Gesang gegeben« eine spezielle Fußnote anfügt. Rasend meint rasend. Shea klappert, tickelt und hämmert schneller als das Auge, als hätte er gleich zwei Orlac-Hände, die manisch-panisch, ob mit oder gegen seinen Willen, rappeln und klopfen müssen, was das Zeug hält. Da fliegen die Stöcke, da verrutscht das Drumset, da knickt das Mikro, da zeigen die Electronics sich widerspenstig, egal.

Shea ist maximal im Groove, der seinen und Mottels Händen diktiert wird. Der traktiert die Keys nämlich ebenso manisch und lallt zusammen oder im Call-&-Response mit seinem mehr bellenden und kieksenden Partner, was ihnen innere Stimmen zu diktieren scheinen. Diese Musik ist sowas wie automatisches Schreiben mit Klängen und Rhythmen. Eine Art Über-Pop-Surrealismus. Die Beiden scheinen einen Zustand zu suchen, in dem die Hände schneller sind als der Verstand. So dass die Zwei zu Medien werden, zu bloßen Durchlauferhitzern von Musik, die im phylogenetischen Gedächtnis brodelt. »Volksvermögen«, hat Rühmkorff das hierzulande mal genannt – Blues, Rap, Spottverse über Trottel aus Albuquerque, über aufgeblasene Egos in Mäuseseelen, Anti-Countrysongs voller Hotdogobszönitäten, oder auch Metal, Free Jazz, alles extrem low-fi. »Space is the Place« malt Sun Ra an die Wand, im Hinterkopf ist alles da, unsortiert als Krempel.

Gespielt wird ohne Rücksicht auf Verluste, Hauptsache, die grobe Stoßrichtung stimmt. Wann hat man zuletzt solch wahrem Punk-Spirit bei der Arbeit zuschaun können? Vielleicht bei Jad Fair. Wie der seinen Set gern a capella mit »On the Sunny Side of the Street« krönte, spielen, ach was, verhackstücken Shea und Mottel »When the Saints Go Marchin‘ In«, aber Shea toppt das noch, zuerst mit der lauthals geschrienen Hymne »I‘m a Creep, I‘m a Loser« und dann mit der Incredible Strangeness von Hans-Albers-Schlagern von seinem iPod: »Hoppla, jetzt komm ich«.

Sein T-Shirt steht längst fadentief unter Wasser. Dass man kaum 1 % dessen versteht, was da gesungen oder scherzhaft ins Publikum geworfen wird, kein Problem. Erkenntnis- und der Lustgewinn werden umstandslos mit Haut und Haaren aufgesaugt – Musik ist ein Virus from Outer Space, etwas Unbändiges, das durch uns alle hindurch geht, auf der Suche nach saturnisch-karnevalischen Resonanzen. Es kommt nicht darauf an, die Musik nur verschieden zu interpretieren, sondern sie umzukrempeln. Das lässt sich dann weiterdenken.


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