Miniwelttheater in Briefen

3. April 2010 | Autor: Joachim Fildhaut

»Liebe verhasste Mama« hatte deutschsprachige Erstaufführung am Torturmtheater

Mit 31 Jahren verlässt er das Hotel Mama, zieht von New York nach Los Angeles und will Dichter statt Buchhalter werden. Es folgt eine große Pendelbewegung durch die Vereinigten Staaten. Mutters unverhoffte Indienfahrt entspricht dieser »Aventuire«; dochdoch, so kann man’s nennen. Denn dass der amerikanische Autor Sam Bobrick und seine Co-Autorin und Frau Julie Stein an die Läuterungsprozesse klassischer Romanhelden dachten, verrät der historisierende Untertitel: »The Outrageous Adventures of Sheldon & Mrs. Levine«. Tatsächlich entwickeln auch ihre zwei Figuren große seelische Linien. Mutters Verlustschmerz vergeht binnen 70 Bühnenminuten in einer brisanten Mischung aus Hyperaktivität und asiatischer Gelassenheit. Der Sohn arbeitet sich von gesundem Trotz zu gefährlicher Resignation hinab. Aber dann ist da ja noch die Schlussszene!

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Der Plot könnte in einer Hollywood-Produktion viele Millionen verschlingen. Ursprünglich als Briefroman verfasst, braucht er auf der Bühne nur ein paar Quadratmeter und gute Leute. Veit Relins Torturmtheater hat beides. Astrid Martiny und Armin Hägele versuchen unter Oliver Zimmers bewährter Regie gar nicht erst den Eindruck zu erwecken, sie schrieben gerade an ihren Mitteilungen oder sie läsen sie vorm Kuvertieren noch einmal durch. Sie benutzen die Setzungsmacht des Dramatischen und führen ihren Briefwechsel als Dialog, wobei sie körpersprachlich die Fiktion nähren, sie befänden sich in weit voneinander getrennten Räumen.

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Mütter sind furchtbar und wollen es hinterher nicht gewesen sein, lautet Bobrick/Steins Quintessenz. Aber Mütter waren auch mal Kinder … Im Vordergrund ihrer Familienpsychologie steht das Material, an dem sich Mutter und Sohn abarbeiten, und das hat es in jeglicher Hinsicht in sich: Den halben American Way of Life und sechs bis acht große Mythen spießen Sheldon und Mama Levine bei ihren Umtrieben auf. Das macht ihre Texte zu Minisatiren, die bei der Uraufführung am 1. April pointensicher gespielt eine Lachsalve nach der anderen auslösten. Am rauschenden Applaus hatte das Team verdienten Spaß.

www.torturmtheater.de


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