Popkultur in Würzburg

13. April 2010 | Autor: Jochen Kleinhenz

Böse Zungen behaupten ja, dass, wenn sich die Wissenschaft einer Sache annehme, diese bereits gut abgehangen sei, um nicht zu sagen: tot. Diese Behauptung wird sicher gestützt durch all jene Disziplinen, die sich ganz auf das Gestern konzentrieren – vom Sezieren des kürzlich Verstorbenen über das Herausgraben jahrhundertealter Scherben bis hin zum Studium jahrmillionenalter Versteinerungen. Nun ist »Pop« resp. »Popkultur« noch nicht ganz so alt – auch wenn sich heute so manches anfühlt und anhört, als ob es schon vor dem Auftauchen der ersten Einzeller produziert worden ist.

Wenn sich nun die Universität Würzburg der »Popkultur« und ihren »Dimensionen« widmet, so sollte das zuallererst wohlwollende Neugier wecken – schließlich wird das Thema in einer »öffentlichen Ringvorlesung« allen zugänglich gemacht, ab dem 27. April immer dienstags von 18 bis 19.30 Uhr, und (fast noch erfreulicher): es findet sich unter den Themen eben nicht die soundsovielte Madonna-Exegese, wie überhaupt die Popmusik etwas kurzgehalten wird, während Filmisches bereits in 6 von 10 Veranstaltungstiteln vorkommt. Leider muss man sich momentan noch selbst einen Reim auf die Inhalte der Vorträge machen, denn worauf sich ein 90-minütiger Vortrag über »Pop, Parodie und Profanierung« letztlich beziehen wird, bleibt abzuwarten – mehr Infos als die Überschriften bekommt der Interessent derzeit auch nicht auf den entsprechenden Internetseiten der Universität.

Wer sich noch an die (gelinde gesagt:) sonderbare »Soundscapes«-Ausstellung erinnert, mag ein berechtigtes Misstrauen mitbringen beim Betreten der Alten Universität am Sanderring; hier zeichnen aber andere Initiatoren verantwortlich, die auch für externe Referenten gesorgt haben: Der Lehrstuhl für englische Literatur- und Kulturwissenschaft kann bei der Ausrichtung der Vorlesungsreihe nicht zuletzt auf profunde Studien zur Popularkultur im anglo-amerikanischen Raum verweisen, insbesondere die britischen Cultural Studies, die in der Analyse der Alltagskultur im Wortsinn Bahnbrechendes geleistet haben – und deren Relevanz, allen voran etwa Stuart Halls Text »Kodieren/Dekodieren«, erst heute vollständig deutlich wird, bei der Beobachtung des Zerfaserns der Popularkultur in tausende Spezialnischen aus wenigen überschaubare (Konsens-)Stilen heraus, wie etwa noch vor einer Generation der Fall.

Schafft es die Vorlesungsreihe allerdings, hier einigermaßen Anschluß zu finden, kann dem kultur(-diskurs-)interessierten Würzburger die nächsten Monate nichts besseres geboten werden. Die Erwartungen jedenfalls sind hoch …

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Öffentliche Ringvorlesung »Dimensionen der Popkultur«
Immer dienstags von 18 bis 19.30 Uhr in der Neuen Universität, Hörsaal 162, Sanderring, Würzburg:

27. 4. 2010: »Pop Identities. Zur Konstruktion postmoderner Identitäten im Poproman und im Videoclip« – Florian Niedlich (Würzburg)

4. 5. 2010: »Der Cyborg als Archetyp des Posthumanen – ›Terminator I–IV‹« – Alexander Kluger (Würzburg)

18. 5. 2010: »The Man Behind the Curtain: Die verborgenen Zeichen des Zauberers von Oz« – Birgit Däwes (Würzburg)

1. 6. 2010: »Pop, Parodie und Profanierung« – Robert Fajen (Würzburg)

8. 6. 2010: »Music is Power. Bildungsprozesse in aktuellen Musikfilmen« – Marcus S. Kleiner (Siegen)

15. 6. 2010: »Spice up your life. Adornos Kulturtheorie« – Roland Borgards (Würzburg)

22. 6. 2010: »›White Punks On Dope‹ in Deutschland. ›Nina Hagen Band 1978‹ – eine LP im Kontext« – Moritz Baßler (Münster)

29. 6. 2010: »Inside Argument Clinic. Tiefendimensionen des Komischen in ›Monty Pythons Flying Circus‹« – Ralph Pordzik (Würzburg)

6. 7. 2010: »Der Kampf gegen die Uhr. Guillermo del Toros ›Pans Labyrinth‹« – Cornelia Ruhe (Mannheim)

13. 7. 2010: »Von Hip-Hop-Märchen und gefährlichen Kreuzungen: Populäre Kultur und Globalisierung im Zeitalter der ›Piratenmoderne‹« – Lars Eckstein (Potsdam)

20. 7. 2010: »Eschatologie in der amerikanischen Popkultur: Eine politische Lesart der Left Behind Serie« – Pascal Fischer (Würzburg)


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1 Kommentar zu „Popkultur in Würzburg“

  1. [ thomas matterne | weblog ] sagt:

    Ich geh wieder an die Uni…

    Na ja, schön wär’s, aber eigentlich bin ich heute Abend nur zum ersten Mal dazugekommen bei einer Ringvorlesung der Würzburger Uni über Popkultur vorbeizuschauen. Ein Kollege aus der Kreativabteilung hat uns in der Redaktion vor ein paar Wochen au…