Sack und Asche

19. April 2010 | Autor: Jochen Kleinhenz

Wer sich hierzulande gerne in Bildern ausdrückt, vulgo: »Sprichwörter« verwendet, dem ist sicher das vom Sack Reis in China geläufig, der gelegentlich umfallen muss, um demjenigen, der diesen Sack erwähnt, als Bild für sein Desinteresse an einer Sache oder einem Thema zu dienen. Bis vor kurzem hätte man wohl genausogut – um die Säcke mal in Ruhe stehen zu lassen – von isländischen Vulkanen sprechen können. Denkste: dort bläst es Asche in die Luft, und hier bleiben die Flugzeuge am Boden.

Nun ist nicht unbedingt augenscheinlich, warum das mit den Vulkanen und der Asche hierzulande so dramatische Auswirkungen hat – ein strahlend blauer Himmel enttäuscht all diejenigen, die auf eine Verfinsterung wie vor Urzeiten warten: eine, die eine neue Eiszeit auslösen könnte (Stichwort: die Sonne kommt nicht mehr durch, es kühlt ab auf der Erde etc.).

Stattdessen wird man eines Himmels gewahr, wie man ihn so wohl noch nie gesehen hat, zumindest nicht in den letzten Jahrzehnten: kein kondensstreifenvernarbtes Blau, sondern eine homogen scheinende Fläche mit sanften, langen Übergängen von hellen zu dunkleren Bereichen.

Vermutlich ist der »Spuk« heute Abend beendet – bis vorerst 20 Uhr gilt die Sperre des Luftraums für die kommerzielle Luftfahrt, und so mancher Manager einer Fluglinie wird wieder aufatmen; schließlich weiß man inzwischen, dass etwa die Lufthansa sich damit brüstet, immer zumindest eine Maschine in der Luft zu haben.

Wer heute also noch ein paar freie Minuten hat, der kann sich die Zeit mit dem einmaligen Blick nach oben vertreiben – und wem es dabei irgendwann langweilig wird, weil ihm das strukturierende Moment der sichtbaren Sphärenverschmutzung abgeht, der schaue dann eben auf die Straßenzüge: graue Bänder mit wenigen zufälligen Farbtupfern (relativ bunt gekleidete Passanten auf den Restbürgersteigen, Autos älteren Jahrgangs, als noch Farben beim Lackieren der Karossen zum Einsatz kamen) strukturieren heute die Städte, gesäumt und befahren von unzähligen lauten, stinkenden Blechkisten. Was, wenn sich hier statt löchrigem Asphalt Streifen satten Grüns durch die Städte ziehen würden? Der Ringpark in Würzburg nicht das einzige, sondern nur ein besonders dickes grünes Band darstellen würde? Der Ruhe am Himmel die Ruhe auf Erden folgen würde, unterbrochen bestenfalls vom Geräusch spielender Kinder, dem Klackern von Boule-Kugeln, dem Tuscheln und Lachen der Menschen auf den Stra… – ääh, in den Grünstreifen, die nur noch wenige Stunden täglich damit beschäftigt wären, das ganze autolose Wirtschaftssystem am Laufen zu halten, die sich Arbeit und Wohlstand, Pflicht und Spass fair teilen? Weltweit?

Entschuldigung, ich schweife ab …


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