Paupernautik? Starchidismus?

17. September 2010 | Autor: Rigobert Dittmann

Wenn ich sage, dass in Würzburg ein absolut mindfuckendes Printerzeugnis erscheint, dann ist das kein Eigenlob. Ich spreche nämlich von STUPOR MUNDI – »Internationale unabhängige Zeitung für Kultur, Wissen und Kunst der Welt im Geiste der Neuen Aufklärung«. Unter dem Medusenhaupt als pikto-programmatischem Schild und dem deeskalierenden Wahlspruch »Im Notwendigen herrsche Einmütigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem aber Nächstenliebe« des Lutheraners Rupertus Meldenius überfällt einen – dreisprachig! – eine tatsächlich stupende Themenvielfalt.

Nr. 56/2010 z. B. spannt im Zeitungsformat die geistigen Flügel von »Kriminalität als Instrument der Herrschaftssicherung« (ein Beitrag des umtriebigen Wirtschaftskriminalitätsexperten und ödp-Stadtrats Uwe Dolata) und der in ihrer Heimatstadt etwas stiefmütterlich behandelte Würzburger expressionistische Bildhauerin Emy Roeder über Man Ray bis – und jetzt wird‘s richtig abenteuerlich – zum osmanischen Korsaren Khair ad-Din Barbarossa (1466–1546), Vlad Dracul (1431–76) aka Nosferatu und zu einer »Geschichte der Pest«, abgerundet durch luziferische und prä-apokalyptische Gedichte und launigen Sarkasmus.
Der Brainiac hinter all dem ist der Übersetzer, Dolmetscher, Weltverbesserer, Meta-Bobalicón und neuerdings »First human PauperNaut« Murat Mümtaz Gök.

O-Ton: Der PauperNaut flieht die Konventionalität und das Profane und kommt an im Nirvana der Fülle des individuellen Kosmos. Arrogant und elitär, aber nicht exklusiv, nutzt der PauperNaut sein – nicht selten akademisches – Prekariat als Chance. Der PauperNaut entledigt sich des Überflüssigen und befreit sich und seine Umgebung von Ballast … Er ist ein Forscher und Entdecker … ein Abenteurer und Held … Prophet und Visionär einer präapokalyptischen Welt, der sich in das grelle Licht der Erkenntnis und Desillusionierung stellt.
Zum Rüstzeug dieses Abenteurers gehört ein Exzellenzbewusstsein als Träger von Geheimwissen, womit so schlicht wie süffisant Bildung gemeint ist, die dabei auch dunkle Ecken der Geisteswelt mit einschließt. Falschem Heldentum, Hab- und Machtgier abhold, kehrt er, einem Clochard ähnlicher als einem Verbraucher, heim zu Mutter Erde, um sie und sich geistig neu zu beleben. Heute nur Einzelne(r), scheinbar ohne Mittel und Chance, wenn es besser werden soll, bald schon Viele. Denn der Name dieses Helden ist »Legion«.

Das ist doch mal ein ManiFest! Ergänzt wird es im gleichen Tenor, mit gleicher Vehemenz, durch die Philosophie des »Starchidismus«. Unter dem Horaz-Motto Wenn die Welt geborsten einstürzt, werden die Trümmer einen Unerschrockenen treffen wird ein griechischer Fluch, preziös geraunt von durchgegorenen Gnostikern oder proletarisch herausgespuckt, zur Parole der Dissidenz: Segrafa sta archidia-mu! Scheiß drauf. Ich schreib‘s mir auf die Eier.
Wie entkommt der einsame, illusionsresistente Selbstdenker und -fühler dem Absturz in Lebensverdruss und Verzweiflung? Mit einer Geheimwaffe aus den Hinterhof-Denkstätten der Kyniker, Epikuräer und Stoiker. Aus materieller Not wird Mehl für geistiges Brot.
Diogenes, der melancholerische Abwendungspoet Ulrich Horstmann und der Rembetiko-»Guru« Markos Vamvakaris skizzieren eine speckfreie Lebenskunst: Die Wurstigkeit gegenüber unnötigem Ballast und die Abkehr von verdummter Empfangsbereitschaft. Die bettelmönchischen Schwächen und schöngeistigen Verlockungen so einer Verzichtsphilosophie stehen zur Diskussion. Die ungenierten Verwalter und Nutznießer des Volksvermögens werden erst nervös, wenn sich mit dem »Scheiß drauf!« auch »Pflastersteine« verbinden, sprich, etwas Spürbares. Was wäre, wenn aus Stimmvieh, Loveparade-Lemmingen, Ich-bin-doch-nicht-blöden Alleskäufern solche würden, die tapfer bleiben und nur den Musen sich ergeben?

Kontakt:

Gök-Toy-Media/ Stupor Mundi Verlag
Mariannhillstr. 2
97074 Würzburg

Tel.: 0931/32065666
Fax: 0931/32065667


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