Der zweite Taubenschlag-Abend

18. September 2010 | Autor: Rigobert Dittmann

Würzburg ist zu einer Noise-Culture-freien Zone geworden. Einmal im Jahr ein X-mas Ball Festival, egal ob mit Suicide Commando oder Laibach und Project Pitchfork, ersetzt keine Alltagskultur. Taubenschlag, eine junge Initiative im Cairo, versucht das seit Kurzem zu ändern. Der zweite Taubenschlag-Abend am 10.09.2010 legte Köder für die verschiedensten Geschmäcker aus.

Zum Auftakt zeigt DARKRAD aus Moskau, dass Noise keine Bubenangelegenheit sein muss. Die weißblonde DJane, in deren Name ein »Windrad« rotiert, agiert zu einer Filmcollage mit großen Weltschmerzgesten und Gesang, als wäre sie auf die Baba-Jaga-Schule gegangen.
Statt sich zu verstärken, stehen Bildwelt und Performance sich eher im Weg, da die Leinwand die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt mit märchenhaften oder grotesken Zeichentrick- und Spielfilmsequenzen, durchwegs mit dystopischem Pathos. Fleischfressende Pflanzen, Angst, die die Seele auffrisst, Frauen, deren Tanzpartner der Krieg entführt, einstürzende Windmühlen. Das Individuum, die Poesie, widersagen dem Seelenfraß mit dark sounds, weird vocals und roten Luftballonherzen.

BUCKETTOVSISSORS (sic!) verscheucht danach solchen »Weiberkram« mit garstiger Harshness und handfester Biertrinkerattitüde. Da ihm der Mixer den Lautstärkepegel kappt, traktiert er seine Gerätschaften zunehmend frustriert. Doch sein Stoßen, Schlagen und Schimpfen quält nur heiße Luft, ach was, laue Luft, nesselnd mit giftigem Motorenlärm, den er hoch- und niedertourig moduliert, ohne den gewünschten Bodycheck-Effekt. Aber wer braucht denn auch blaue Flecken auf Leib oder Seele?

Danach kommen die »Handwerker«. Zuerst Chris Sigdell aka B°TONG, Ex-NID und auch Sänger-Gitarrist beim Stonerdoomtrio Phased. Ein Noiser, der – wie er im Interview mit kulturterrorismus.de verrät – gern Pharoah Sanders, Sun Ra, Nancy Sinatra, Lee Hazlewood, Serge Gainsbourg, Hawkwind oder Goldfrapp hört, ist einer nach meinem Geschmack.
Der Schwede inszeniert mit viel haptischer Finesse, indem er Küchenutensilien reibt oder mit Geigenbogen streicht und über Kontaktmikrophone akustisch unter die Lupe nimmt, hochgradig spannendes Kino für die Ohren. Sehen können, wie Soundgebilde entstehen, ist hier Programm. Sein Maschinenpark ist ein atmendes Wesen, wie ein Dschinn, der in seiner Flasche rumort, lacht, Selbstgespräche führt und, unklar ob als Opfer oder Schurke, Drohungen ausstößt.
Den Handgriffen entsprechen unmittelbare Effekte, voluminöse Delaykaskaden, sirenenartige Glissandos, sehr abwechslungsreich und fesselnd. Wie ein Klangkunst-Veteran neben mir beifällig bestätigt, bekommt man Live-Elektronik derart gekonnt nicht alle Tage zu hören.

Sigdells Ex-NID-Partner Jürgen Eberhard geht als FEINE TRINKERS BEI PINKELS DAHEIM ähnlich zu Werk. Der Bremer hantiert mit präparierten LPs, wirft sie nach Gebrauch einfach so auf die Bühne. Er reibt ebenfalls kontaktmikrophonierte Stäbe aneinander, lässt Brausepulver in einem Wasserglas detonieren. Sein Set ist flächiger, mit lange quer im Raum stehenden dissonanten Wellen. Spielerisch lässt er seine Krokodilclips zubeißen, selbst Kreppklebeband kann wie Wunder was donnern. Das macht Eindruck, wenn auch nicht so zwingend wie bei Sigdell.

Immerhin, die Tauben kehrten an diesem Abend nicht mit leeren Schnäbeln in den Schlag zurück. Die Faszination, die von B°TONGs Set ausging, sollte sich rumsprechen. Nicht oft wird derart sinnfällig gemacht, dass Freiheit etwas mit Improvisation zu tun hat, mit Spiel und nicht zuletzt mit Räumen, die man der Phantasie der Zuhörer auftut.


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