Würzburger Eiertanz

9. Juni 2011 | Autor: Berthold Kremmler

Seit Oktober des vorigen Jahres weiß man im Stadtrat, daß der Kulturreferent Muchtar Al Ghusain die Gedenkstätte an den 16. März 1945 im Erdgeschoß des Grafeneckart umgestalten möchte und daß Kenner der Materie damit beauftragt sind, einen neuen Text dafür auszuarbeiten.

Den Gang der Entwicklung, der wegen der Einsprüche ordentlich verschlungen ist, möchte ich hier nicht nachzeichnen. Mir kommt es nur auf einige wenige Argumente an, die besonders dazu beigetragen haben, daß der Stadtrat seine Zustimmung nicht so rechtzeitig hat geben können, daß bereits beim letzten Gedenktag der umgestaltete Raum der Öffentlichkeit übergeben werden konnte.
Damals, Ende Februar, wurde die Diskussion im Stadtrat abgebrochen, damit bei einer Abstimmung die Neugestaltung nicht grundsätzlich blockiert werde und sich eine möglichst große Zahl an Stadträten zu der Erneuerung bekennen kann. In der Sitzung am 9.6. wird das Gremium sich abermals mit der Causa befassen müssen. Man darf auf das Ergebnis gespannt sein.

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Am entschiedensten haben sich zwei Stadträte zu Wort gemeldet, die zur Verzögerung beigetragen haben.

Da war zum einen Alt-OB Zeitler. Man kann seine lange mündliche Einlassung damals auf den Kern reduzieren: als diese Erinnerungsstätte eingerichtet wurde, habe sie dem damaligen allgemeinen Bewußtsein entsprochen, sie sei somit ein historisches Dokument, das zu ändern wir Heutigen nicht das Recht hätten. Deshalb habe man es unverändert in der alten Fassung zu konservieren.

Ein merkwürdiger Gedanke. Er bedeutet, daß etwas, was auf Verwaltungshandeln zurückgeht – die Errichtung einer Gedenkstätte im Rathaus –, in den Rang eines Kunstwerks oder eines bedeutenden historischen Dokuments erhoben wird, das ein für alle Mal zu konservieren sei.
Daß es sich dabei nicht um ein sakrosanktes Werk oder ein entsprechendes Ensemble handelt, bedarf keiner näheren Begründung, es ist zu offenkundig.
Und um es zu einer Art religiöser Reliquie zu erklären, fehlt dem Raum doch wirklich alles an qualifizierter Gestaltung.
Wenn dieser Raum heute umgestaltet werden soll, dann vor allem, um den Informationswert als Hintergrund für die Erinnerung zu steigern. Und daß wir da auf einem andern Stand sind als vor Jahrzehnten, als der Raum zum ersten Mal eingerichtet wurde, liegt auf der Hand. Die Trümmerfrauen hatten die gröbsten Zerstörungen beseitigt, das Wirtschaftswunder benebelte die Köpfe derer, die über das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg hätten nachdenken
müssen. Wenn man die Stummheit der Kriegsheimkehrer und der Daheimgebliebenen bedenkt, die über ihre Erlebnisse und Erfahrungen seis nicht sprechen konnten, seis nicht sprechen wollten, begreift man, daß heutige Informationswillige sehr viel genauer Bescheid wissen können – so sie ernsthaft wollen –, als es den Kriegs- und den ersten Nachkriegsgenerationen möglich war, die nur das wußten, was sie mit eigenen Augen gesehen hatten und sehen wollten. Man weiß heute, welche unglaublichen Verdrängungsmechanismen bei vielen am Werk waren.

Damit wird klar, daß es zwingend notwendig ist, die zur Verfügung gestellten Informationen auf unseren heutigen Stand des Wissens zu bringen. Nur so kann man den Betrachtern zu Bewußtsein bringen, daß wir nicht nur über die Zerstörungen jammern wollen, sondern uns auch anstrengen, sie in einen verstehbaren Zusammenhang zu bringen. Jedenfalls kann keinem Wißbegierigen entgehen, daß noch heute fast wöchentlich vergessene Katastrophen ans Tageslicht kommen.

Warum also will der Alt-OB den vergangenen Zustand der Kritik und der Veränderung entziehen?
Die eine Möglichkeit ist, daß er nicht mehr in der Lage ist, den Erkenntnisfortschritt zur Kenntnis zu nehmen und seine Berechtigung zu akzeptieren. Das ist, man kann es leider nicht anders sagen, üblicherweise eine Ergebnis fortgeschrittenen Alters, also, horribile dictu, von Senilität. Zu der meistens gehört, daß man nicht in der Lage ist, diese Entwicklung bei sich selbst zu diagnostizieren. Und da der Alt-OB inzwischen politisch randständig ist, im Stadtrat aber zu viele frühere Weggenossen aktiv sind, traut sich auch niemand, ihn in einer Sitzung direkt zur Ordnung zu rufen. Es reicht allenfalls zu einem konsternierten Kopfnicken. In diesem Fall schien es freilich eher ein zustimmendes gewesen zu sein, bedenkt man die sich anschließenden Wortmeldungen.

Letztlich ist der Widerstand gegen Änderung auch einfach ein Akt grenzenloser Selbstüberschätzung und Eitelkeit: was wir früher beschlossen haben und ich, der damalige OB, abgesegnet habe, das dürfen die Jungspunde von heute nicht ändern – wo kämen wir denn dahin? Was wir Väter gemacht haben, das müssen die Kleingeister von heute, ganz altdeutsch, »lassen stahn« – so mögen Alt-OBs eben denken.

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Der zweite Stadtrat, der eine mächtige Keule gegen die Erneuerung geschwungen hat, ist Herr Felgenhauer. Er kämpft anders, aber in der Wirkung nicht minder fatal. Er ist mit Macht gegen ein Detail, mit nicht minder verheerenden Verblendung. Ihm liegt daran, daß der Luftangriff und die Zerstörung Würzburgs ein Akt des Terrors gewesen sei, und er will sich bei dieser Einschätzung auf Quellen und die Wissenschaft stützen – sagt er. Der Begriff »Terror« für die Qualifizierung der amerikanischen Angriffe sei seiner Meinung nach dann gerechtfertigt, wenn er auch bei der Einschätzung von seiten der Siegermächte verwendet werde. Felgenhauers ganze Hoffnung liegt also darin, eine entsprechende Äußerung in der Literatur zu finden.

Nur leider hat das mit Wissenschaft überhaupt nichts zu tun. Für wissenschaftliche Seriosität wäre zum einen notwendig, daß eine klare Wissenschaftssprache verwendet wird. »Terror« ist aber kein eindeutig umrissener Begriff der Geschichtswissenschaft, sondern einer von Politik und ideologischen Auseinandersetzungen. Warum soll die Zerstörung Würzburgs mehr Terror gewesen sein als die Vernichtung von Warschau oder Leningrad, als Auschwitz, Dachau und Buchenwald, als Coventry oder Oradour? Die Selbstcharakterisierung spielt dabei gar keine Rolle.
Daß auch bei den Siegermächten für die Zerstörung Würzburgs der Begriff Terror verwendet wird, ändert nichts daran, daß in einem von den Deutschen angezettelten verbrecherischen Krieg keine Seite saubere Hände behalten hat – wie auch? Nur ändert das überhaupt nichts an der Last der Verantwortung der Deutschen.

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Das Schreckliche an der Diskussion in der letzten Stadtratssitzung war freilich, daß zwar alle Redner von der Verantwortung der Deutschen gesprochen haben, aber man fast bei allen den Tonfall heraushören konnte, daß zwar diese Verantwortung eingestanden wurde, mit dem impliziten Zusatz: »aber die Zerstörung Würzburgs war doch ein Terrorakt« – so, also könne man auf die Gegner einen Teil der Schuld überwälzen, getreu der Kindergartenmaxime »der aber auch«.

Das war unwürdig.
In einem nach wie vor außerordentlich emotional geführten Streitgespräch ist eine solche Entlastung einfach nicht statthaft.

Gleichwohl meinte ein Fraktionsführer den Stadtrat belobigen zu müssen ob der Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung – wo doch sich zum Schluß alle einig waren, man wolle jetzt noch keine Abstimmung herbeiführen – aus Angst, der Erneuerungswunsch könne scheitern?!
Vor ungefähr 10 Jahren war eine ähnliche Diskussion im Stadtrat, damals ging es um ein verwandtes Problem: Soll die »Carl-Diem-Halle« einen neuen, unbelasteten Namen bekommen? Die Entscheidung sollte hinausgezögert werden, indem immer wieder darauf verwiesen wurde, man brauche noch mehr und sorgfältigere Untersuchungen, bevor man sich festlegen könne – so, als könne ein Buch mehr oder weniger die moralische Verantwortung neu bewerten. Damals siegten die Neuerungswilligen nur ganz knapp. Heute dürften die meisten von damals froh sein, daß sie Carl Diem keinen solchen Ehrenposten mehr zubilligten – wie fast die ganze Republik sich dieser Torheit entledigt hat (von einigen Unverbesserlichen, auch in Würzburg, abgesehen).

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Wer all diese schrecklichen Dinge gerne hinter sich ließe, weil das so lange zurückliege, sei an eine Aktion erinnert, die vor weniger als zwei Wochen stattgefunden hat und zeigt, wie sehr unsere Vergangenheit unsere Gegenwart durchdringt, in sie hineinreicht. Da war in der Neubaukirche eine Veranstaltung, in der all jenen der Doktor-Titel in einem offiziellen Akt wieder zurückgegeben wurde, der ihnen im Verlauf des Dritten Reichs unrechtmäßig aberkannt worden war.

Nur: dafür haben wir in Würzburg 66 Jahre gebraucht, um uns dieser bitteren Realität, um uns diesem Unrecht zu stellen und es wenigstens formal aufzuheben. Den betroffenen Menschen wird eine Sühne ohnedies nicht mehr helfen.

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Um uns unsere Verstrickung in das grauenhafte Geschehen des 16. März 1945 in diesem Gedenkraum zu vergegenwärtigen, scheint mir außer den Bildern eine adäquate Geräuschkulisse notwenig.

Sie kann nur aus der Wiedergabe eines Ausschnitts der berühmten Rede von Josef Goebbels aus dem Sportpalast bestehen, wo die Anwesenden die Frage: »Wollt Ihr den totalen Krieg?« mit einem begeisterten Schrei beantwortet haben: »Jaaa!!« Das war 1942. Korrespondenz dazu könnte das Geräusch herannahender Bomber sein, die ihre Bombenlast abwerfen.

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Der Raum kann ein unhintergehbares Zeugnis dafür sein, welche Präsenz dieser 16. März für Würzburg hat, in dem Gebäude, das der Mittelpunkt der Stadt ist, in dem die Bürgerschaft repräsentiert ist. Dieser zentrale Raum zeigt, daß dieses Memento zum innersten Kern der Geschichte Würzburgs gehört, ohne jedes Aber und ohne jeden inneren Vorbehalt.


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2 Kommentare zu „Würzburger Eiertanz“

  1. zuckerpuppe sagt:

    Lasset uns trauern!

    Berthold Kremmler scheint – der Tenor seiner Argumentation deutet darauf hin – um die Vergeblichkeit seines Anliegens zu wissen, ein „Memento“, weiterentwickelt aus dem bisherigen Gedenkraum möge „zum innersten Kern der Geschichte Würzburgs gehör(en)“. Der aufklärerische Impetus des Autors, der so selten geworden ist, dass man sich wünscht, ihn nicht kritisieren zu müssen, verfehlt aber seinen Anlass.

    Kremmlers „wir“, an das er appelliert, mit dem er unter dem Eindruck der Dringlichkeit einen Kreis um die Würzburger Bürgerschaft zieht, existiert genauso wenig wie eine gemeinsame Verstrickung in geschichtliche Vorgänge. Eine Würzburger Bürgerschaft gibt es nicht mehr seit sie in einer Zeit, die nicht zufällig vor dem 16. März 1945 lag, sich in ihrer Mehrheit zu einer Bande von Zusehern, Wegschauern, Nickern und Mitmachern dabei wandelte, wie eine Minderheit ihrer Zugehörigen zu Vertriebenen, Verfolgten und Mordopfern gemacht wurde. Gäbe es sie nach inzwischen 66 Jahren wieder und hätte sie ehrenwertere Vertreter im Rat der Stadt als die notorischen Zeitler, Felgenhauer und Rosenthal, dann wäre das ganze Theater um den 16. März bald vorbei.

    Stattdessen soll nun mit neuen Informationen aufgewartet werden. Zu welchem Zweck? Es wird keine Darstellung des 16. März geben können, die nicht auf den Verlust an Gebäuden, Straßenzügen und Menschenleben verweist. Die Zusammenhänge sind klar und dem Würzburger lieb und teuer. Niemand braucht ein Mehr an dieser Art von Aufklärung, die in ihrer berechenbaren lokalen Dialektik die Gegenseite der Verleugner stärkt. Die abstoßende Schläue der Herren und ihrer nickenden Adepten besteht darin, dass die jeden derartigen Impuls im Gleichgewicht zu halten verstehen mit einer in der Tat sakrosankten Stilisierung der Stadt als Opfer einer terroristischen Willkür, die es aus der Reihe der „schönen Städte“ hinausgebombt hat.

    Die Stadt aber saugt Honig aus ihrer Zerstörung und aus jeder städtebaulich noch so misslungenen Maßnahme, sie wieder bewohnbar zu machen: „Seht her, noch viel schöner könnten wir sein, wenn nicht…!“ Leider ist das auch noch wahr. Würzburg hat es erwischt und das Feuer war nicht die Strafe für allzu flüchtigen Bürgersinn. Die Stadt war Ziel im Krieg. Dass etliche andere weniger vernichtend getroffen wurden und zufällig noch mehr Altes zu bieten haben, wo Würzburg doch eigentlich der Platz zwischen Rothenburg und Prag gebührt, verzerrt den Wettbewerb. Das ist die treibende Kraft hinter dem Terrorvorwurf – wo wären wir ohne Superlativ! Und wer weiß, ob nicht eher die leise Scham über diese Anmaßung als Mittel der städtischen Außendarstellung die berichtete Weigerung eines Altoberbürgermeisters motiviert als eine ihm unterstellte Senilität.

    Jede Erneuerung und Modernisierung, jeder Informationszuwachs findet bis heute in diesem System öffentlicher Zwecktrauer sein Gegengewicht. So begegnen wir dem Aufklärer: Erwähne die eigenen Verbrechen und wir nennen die Gegenwehr Terror, sprich über ermordete jüdische Bürger und wir verhöhnen ihren Tod – wie es inzwischen nicht nur in Würzburg zum guten Ton gehört – als „Verlust für die ganze Stadt.“

    Es ist zwecklos und die Hoffnung muss sich auf eine ganz andere Aussicht richten: Dass die Stadt sich füllen möge mit wahlberechtigten Bewohnern, die jung und bewusstlos genug sind, sich für nichts zu interessieren, was auch nur vor 1980 geschehen ist. Und mit Touristen, die mit gutem Recht dem ganzen Mumpitz von der terrorisierten Stadt den Rücken kehren und es mit Festivalbesuchen, Konsumieren und Trinken bewenden lassen. Man sollte diesen fröhlichen Prozess, der schon in Gang gekommen zu sein scheint, nicht bedauern oder durch Aufklärung behindern, die unausweichlich Abwehr gebiert und Erinnerung zurückdrängen, die zum Zweck nostalgischer Selbstbeweihräucherung eingerichtet wird.

    Es ist an der Zeit, die Trauer um den Verlust der alten Stadt als Werkzeug des Stadtmarketings zu erkennen und aufklärerisch Schmerz und Erinnerung konsequent zu privatisieren. Unter den gegebenen Umständen ist das schwierig genug. Man könnte aber sehen, ob so aus den Nickern Schüttler würden. Erstes Mittel wäre dabei die dauerhafte Schließung des März-Schreins im Rathaus oder am selben Ort die tatsächliche Ausstellung der ergreifenden und begreifen-machenden Reliquie der Ewigen Würzburger Krokodilsträne, die sich jährlich am Tag der Tage verflüssigt. Den Originalton Joseph Goebbels‘ gäbe es für Begriffsstutzige gegen Extrazahlung.

  2. Christian Kelle sagt:

    Kleine Korrektur: die Goebbels-Rede im Sportpalast fand im Februar 1943 statt, nicht 1942. Wenn wir schon korrekt bleiben wollen :-)