Eiertanz adieu?!

15. Juni 2011 | Autor: Berthold Kremmler

Geschafft! – mehr taumelnd als aufrecht hat der Stadtrat doch noch sein Ziel erreicht, den Eiertanz offiziell für beendet zu erklären, diesmal mit überwältigender Mehrheit: der Raum im Grafeneckart wird nach den Vorschlägen des Kulturreferats erneuert, nur drei Ratsmitglieder wollten diese Entscheidung nicht gutheißen.

Warum taumelnd? Weil diese drei Räte den Rest geradezu erpreßt oder vielmehr in diese Richtung gepreßt haben. Es bestand im Grunde keine Wahl mehr. Gewiß, die nochmalige Präsentation war geschickt vorbereitet, der federführende Mitarbeiter des Stadtarchivs stellte die Texte in extenso und etwas langatmig vor. Daß das Gros der Stadträte sich nicht mehr zu Wort melden wollte, lag vor allen an zwei der drei Widerspenstigen. Zunächst strapazierte Alt-OB Zeitler die Geduld der anderen Räte durch eine wenig konsistente, ziemlich langweilige Tirade, der wohl kaum jemand richtig zuhörte und deren Absicht dunkel blieb. Erich Felgenhauer steigerte sich danach teils so sehr in Quisquilien und dabei in Rage, daß seine Unterstellungen wie die,  bei der Wortwahl  werde von irgend jemandem  Zensur ausgeübt, immer mehr ins Haltlose abglitt. Er fand sich zum Schluß selbst nicht mehr in seinen Gedankengängen zurecht und zog deshalb die zunächst von ihm geforderte namentliche Abstimmung wieder zurück. Der Stadtrat war höchlichst empört und fand deshalb bei der Abstimmung zu nie für möglich gehaltener Geschlossenheit. Der dritte im Bunde der Ablehnung erklärte sich danach (und bestätigte die Vermutung, es gehe mehr um altoberbürgermeisterliche Eitelkeit): er habe nicht zustimmen können, weil ihm die alte Form der Darstellung besser gefallen habe – es war seine.

Der Fall, ein schönes Beispiel dafür, wie die Stimmung durch übersteigerte Vorwürfe andern gegenüber ins Gegenteil kippen kann: jetzt ist eine Einigkeit hergestellt, die man nach der letzten Behandlung des Themas im Stadtrat füglich bezweifeln konnte.

Es bleiben viele Fragen noch offen.

Die erste ist, warum Felgenhauers Vorwurf, die briefliche Einschätzung von Churchill selbst, es handle sich um Terror, nicht von allen zurückgewiesen wurde. Warum hat der Stadtrat sich nicht aufraffen können zu einer klaren Äußerung: in einem verbrecherischen Krieg, den die Deutschen angezettelt hatten, kann es beim Gedenken nicht Sinn sein, mögliche Untaten der anderen herauszustellen, weil das zu verabscheuungswürdigem Aufrechnen führt. Es ist für uns Deutsche offenkundig unendlich schwer zu begreifen und auszusprechen, daß unsere Väter – was meine Generation angeht – sich in einen verbrecherischen Angriffs-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg hat hineinziehen lassen und man jetzt den Toten nicht einmal zubilligen kann, wie das in früheren Kriegen immer funktioniert hat, die Soldaten hätten Heimat und Vaterland und Familie verteidigt, womöglich heldenhaft. Tatsächlich haben sie sich mißbrauchen lassen – wo ist da Heroismus? In der gestrigen (14.6.) Süddeutschen Zeitung steht die Rezension „Der deutsche Patriot“ eines jetzt veröffentlichten  Tagebuchs, »Friedrich Kellner, ›Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne‹. Tagebücher 1939-1945«. Wallstein Verlag 2011), das dem Leser einmal mehr die Schamröte ins Gesicht treibt, weil unsere Väter genau dafür standen, was Brecht so charakterisiert hat: »Hinter der Trommel her/ trotten die Kälber,/ das Fell für die Trommel/ liefern sie selber.«

Warum haben wir so viele Jahre gebraucht, bis wir uns kritisch und selbstkritisch den Ursachen der Bombardierung stellen? Wir sind damit freilich  nicht allein: auch in Japan regen sich jetzt, angesichts der neuerlichen atomaren Verheerungen, kritische Fragen über Hiroshima. Vor 50 Jahren hat Resnais’ in seinem Film »Hiroshima mon amour« seine japanische Hauptfigur unablässig der französischen Geliebten gegenüber bohrend wiederholen lassen: »Du hast nichts gesehen in Hiroshima«. Resnais’ früherer Kurzfilm »Nuit et brouillard« (Nacht und Nebel) über Auschwitz sollte übrigens in den 50er Jahren auf Drängen Deutschlands in Cannes verhindert werden, weil er dem deutschen Ansehen schade – eine der erschreckenden Peinlichkeiten der Adenauer-Regierung.

Wie wenig Probleme dieser Art ausgestanden sind, zeigt nicht zuletzt das Verhältnis der Würzburger zum Kriegerdenkmal im Husarenwäldchen. Aber darauf wird noch gesondert zurückzukommen sein.


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