Au weia, Ihr Stadtverschönerungs-Riesenzwerge

28. September 2011 | Autor: Berthold Kremmler

Das hat gesessen – die Mahnung, daß der neu zu gestaltende Turm – ich nenne seinen augenblicklich gehandelten Namen nicht, der so scheußlich und widersinnig ist wie die ästhetische Planung! – auch ins Ensemble der Augustinerstraße passen muß. Wenn das ein Gericht verkündet, dessen Aufgabe mitnichten ästhetische Fragen sind, dann muß es schlimm stehen.

Aber solche Hilflosigkeiten gehören in eine neuere Entwicklung.
Als vor einigen Jahren das neue »Forum« am Markt mit seinem Dachlatten-Äußeren eingeweiht wurde und Kritik aus allen Ecken ertönte, kamen aus den Stadtbau-Räumen beruhigende Äußerungen: in ein paar Jahren sei die Aufregung vergessen.
Sie ist es mitnichten.

Jetzt hat derselbe Architekt in der »Spiegelstraße 2« – so prangt es in goldenen Lettern auf der Fassade, von angemessen bescheidener Protzigkeit – seinen architektonischen Einfallsreichtum austoben dürfen (es war, wenn ich mich recht erinnere, der schrecklichste in der Konkurrenz der Entwürfe, die seinerzeit der Öffentlichkeit präsentiert wurden). Herausgekommen ist eine Fassade von erschlagender Wucht, auch wenn sie durch asymmetrisch unregelmäßig vereilte Fenster aufgelockert scheinen. Ich erinnere mich noch gut an Äußerungen der Stadtverwaltung, man wolle endlich die Lücke schließen und eine gleichmäßige Traufhöhe erzielen.
Das haben wir nun davon: Auf die drei Geschosse ist ein Penthouse aufgesetzt. Es ist so weit nach vorne gezogen, daß es aussieht wie ein weiterer Stock. Der linke Seitenabschluß reicht so nahe an den alten Pavillon, daß der nicht nur eingezwängt ist, sondern zur Hundehütte degradiert. Was ist von der luftigen Bebauung von früher geblieben?! Andere Entwürfe hatten da ganz anders zwischen den Jahrhunderten und den Kriegsfolgen zu vermitteln versucht.

Da hat der Bauträger, ein Kirchenderivat, ein wunderbares symbolträchtiges Stück Architektur verwirklicht: man sieht geradezu leibhaftig die in die Breite gegangene Mutter Kirche und das Schoßhündchen, das neben diesem voluminösen Körper um sein Leben bangen muß. Nicht umsonst hat der ehemalige Chef der größten westlichen Bank, der HBSC, der selber religiöser Prediger ist, vor kurzem festgestellt, daß niemand so unerbittlich ist in der Ausbeutung seines Grundbesitzes wie die Kirche.
Das die Fassade.

Noch entlarvender freilich der Blick in den Hinterhof. Aus dem Gärtchen ist ein zwischen zwei wuchtige Häuser eingezwängter Zwickel geworden, wie die Hinterhöfe seligen Angedenkens. Stadtrat Felgenhauer hat durchaus mit recht seinerzeit im Bauausschuß gegen diese Bebauung vehement protestiert, wenn auch mit einer falschen Begründung: rechtlich mag das alles korrekt sein – die Gesamtwirkung ist verheerend. Dazu man muß sich dessen bewußt sein, daß der hintere Bau, in gleichem Besitz, ein Stockwerk mehr hat als alle anderen Häuser der Innenstadt. Wie wenn die Kirche da nicht lange genug ein Surplus an Gewinn gemacht hätte! Die Strafe ist ein finsteres Hinterhausloch. Aussage: so sieht es in den kirchlichen Hinterhäusern aus. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Aber ist der Gedanke gar zu verwegen, daß die Kirche, der ja schließlich nur zwei Drittel des Grund und Bodens der Innenstadt gehören und die ständig der Zustimmung der Stadt bei Bauvorhaben bedarf, auch vom Wohlwollen der Stadt abhängt? Gibt es doch vielfältige Möglichkeiten der Verwaltung, diese Prozesse zu entschleunigen. Hat man ausgelotet, welche Konsequenzen es hätte, so kritisch zu sein, wie man beim Bau am Schmalzmarkt gewiß nicht gewesen ist? etcpp.

Dabei darf man nicht vergessen die erstaunliche Eloquenz des Stadtbaumeisters, die der entfalten kann, wenn er nur will, und der schwer zu widerstehen ist. Und, der zweier Übergulde, um Walther von der Vogelweide zu variieren, Behördentempo und Rhetorik: das Verhandlungsgeschick unseres Oberbürgermeister, der nur noch lernen sollte, seiner Beratungsresistenz zu entsagen. Er muß ja nicht zwingend Überzeugungen proklamieren, die er wenig später in ihr Gegenteil verkehrt, wie das bei der Einschätzung der Mozartschule der Fall war – Holger Welsch hat das in der Mainpost genüßlich aufgespießt: vom Allerweltsbau zum historisch wertvollen Gebäude, wenn es nur opportun zu sein scheint. (Deswegen wäre es ja auch hohe Zeit, daß der OB seinen Posten als Vorsitzender des Ausschusses für Stadtbildentwicklung an einen Fachmann abgibt, wie das von Anfang an wünschenswert gewesen wäre …) Übrigens wäre es der Stadt zu wünschen, daß man ihr deutlicher anmerkt, daß sie, Grundbesitz hin oder her, seit über 200 Jahren keine Gottesstadt mehr ist, sondern eine von freien Bürgern, wie nominell seit 1803: die Verquickung von Stadt und Kirche springt ja schon bei der Besetzung der Bürgermeisterposten ins Auge.

Eine kleine Ergänzung zum Hochhaus in der Augustinerstraße. Dieses Hochhaus ist inzwischen, achtzigjährig, selbst ein Baudenkmal. Beim Tag des Denkmals wurde eine Korrespondenz zwischen der damaligen Modernität des Frauengefängnisses von Peter Speeth vom Anfang des 19. Jahrhundert zu dem 100 Jahre jüngeren Hochhaus ins Spiel gebracht. Das ist war vermutlich mehr ideell als visuell – vor dem Gefängnis stand ja noch eine dreigeschossige Häuserreihe, die der Krieg beseitigt hat –, gleichwohl hätte es das Gebäude verdient, erhalten zu werden, umso mehr, wenn die Architekten oder der Bauherr nicht in der Lage sind, einen akzeptable Entwurf ins Spiel zu bringen. Daß das Gebäude damals angefeindet wurde, ist ja eher ein Ehrentitel. Und es erinnert daran, daß auch Leipzig am Augustusplatz ein ähnlich wirkendes Hochhaus in derselben Zeit bekommen hat, damals ähnlich umstritten. Das freilich ist heute herausgeputzt. Allerdings hatte es schon damals einen Schmuck desselben Künstlers, der auch das Schweinfurter ehemalige Ernst-Sachs-Bad beglückt hat, Josef Wackerle. Hier wurde die Skulptur vor dem Bad gewissenhaft restauriert, obwohl man inzwischen wieder in Erinnerung gebracht hat, daß der Künstler im Dritten Reich sich nicht mit Ruhm bekleckert hat und seine Werke das Gepräge dieser Zeit tragen. (Vgl. Beate Ecksteins Kölner Dissertation von 1904)

Bei dieser Konstellation darf es doch keine unüberwindlichen Schwierigkeiten geben, die architektonischen Verbesserungen durch rhetorisches und diplomatisches Geschick zu bewirken, wenn auch die juristischen Mittel keine Aussicht für Erfolg bieten.

Allerdings braucht es einen Willen dazu – und entsprechende Hartnäckigkeit.


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