Kultur – gut und schön – oder weg damit?!

26. Oktober 2011 | Autor: Berthold Kremmler

»Nichts gibt so sehr das Gefühl von Unendlichkeit als wie die Dummheit« – Ödön von Horvath

Braucht eine so kleine Großstadt wie Würzburg eine Zeitschrift, in der sie ihr Selbstverständnis als Kulturstadt feiert?
Das steht zur Abstimmung, wenn am heutigen Mittwoch, 26.10.2011, der Kulturausschuß darüber befindet, ob die Zeitschrift »Kulturgut« mit einer finanziellen Förderung weiterhin als intellektueller Farbtupfer das Image der Stadt aufpolieren soll.
Wir wollen gar nicht grundsätzlich werden und uns wegen der inhaltlichen Füllung des Begriffs Kulturstadt den Kopf zerbrechen. Wir wollen uns nur fragen, ob sie eine solche Zeitschrift, die ja nicht ohne Ambitionen auskommt, zu ihrem Wohlergehen braucht, ob sie mit einem solchen Organ eine bessere Kulturstadt ist als ohne.

Vor Jahren, als es das »Kulturgut« noch nicht gab, als die Vorgänger-Zeitschrift »Würzburg heute« das Zeitliche gesegnet hatte, vor allem, weil der städtische Verantwortliche in den Ruhestand gegangen war und die Universität die Gemeinsamkeit nicht mehr tragen wollte, gab es um die Weiterführung ein wildes Gerangel und eine ebensolche Diskussion. Zwar brachten viele ihre Ambitionen zum Ausdruck, aber nur wenige vermochten einen Plan zu entwickeln, wie eine neue Zeitschrift aussehen und vor allem, wie sie zu finanzieren sei. Und noch weniger gelang einem der Konkurrenten, die Interessierten davon zu überzeugen, daß gerade sie das richtige Konzept, die richtigen Personen zur Verfügung hätten und vermöchten, einen solchen Plan Wirklichkeit werden lassen. Nachdem lange genug alles beredet, wenn nicht sogar zerredet war, faßte sich der Kulturreferent ein Herz und vergab den Auftrag an das Team, das durch den dahinterstehenden Verlag und dessen Erfahrung erfolgversprechend schien.

In meinen folgenden Überlegungen wird es nicht ohne Vereinfachungen und Zuspitzungen abgehen, das ist aber unerläßlich, um klare Konturen zu gewinnen.

Der neue Plan war eine Mischkalkulation: Der Verlag verpflichtete sich, die Zeitschrift vier Mal im Jahr erscheinen zu lassen, für die technische Bewältigung zu sorgen mit einer finanziellen Unterstützung durch die Stadt und einem flankierenden, vom Kulturreferat benannten Herausgebergremium.
Dieser Zwitter hat den Vorteil, daß die Zeitschrift nicht von Werbung überwuchert, um nicht zu sagen erstickt wird, wie das bei den Anzeigenblättern durchweg der Fall ist. Und die Autoren brauchen sich nicht an Geldgeber im Hintergrund anzupassen – so war es zumindest beabsichtigt. Daß sich die Schere im Kopf trotzdem breitzumachen droht, ist eine nicht überraschende Entwicklung. Das nicht nur bei den Artikeln, sondern auch bei der Auswahl der Themen.

Nur eine kurze Überlegung: Die Kulturstadt hängt an zwei großen Tröpfen, den städtischen und den kirchlichen Geldern. Wo wird deren praktisches Verhalten jemals kritisch durchleuchtet? Das kommt weder in der Tagespresse noch in geldabhängigen Werbeblättchen vor.
Abgesehen natürlich von der grundsätzlichen Behinderung durch die seltenen Erscheinungstermine. Wo z. B. wird die Planung der Frankenhalle auch stadtratkritisch aufgespießt? Wo deutlich gesagt, daß die Planung für die Frankenhalle durch die Uneinsichtigkeit und Ahnungslosigkeit der Stadträte massiv erschwert wird – nicht erst seit dem Eilantrag der letzten Woche? Alle jetzt diskutierten Probleme lagen schon vor einem halben Jahr auf dem Tisch. Aber was ist seither geschehen? Der OB mußte den Stadtrat darauf mit Engelszungen hinweisen, anscheinend weil niemand aus dem Stadtrat konnte oder wollte.

Dafür brauchte es eine unabhängige Zeitschrift, eine unabhängige Redaktion, weil die Tagespresse sich mit solchen Dingen nicht intensiv genug beschäftigt. Man kann sich vorstellen, wie schwer eine Zeitschrift, die mit dem Geld auch der Stadt finanziert wird, gegen die Pressionen von Stadt und Verwaltung sich tun wird – und doch wäre gerade das die Chance: ein unabhängiges Organ, dessen Redaktion sich gegen Pressionen jedweder Art zur Wehr setzen kann und sich nicht den Mund verbieten läßt. Dann mag manchem das Ergebnis nicht passen. Aber damit ließen sich Diskussionen eröffnen, zu denen sich heute niemand traut.

Noch ein Beispiel: Derzeit finden immer wieder Veranstaltungen der Fraktionen zur Kultur statt, seis um ihr finanziell aufzuhelfen, seis um Diskussionen anzustoßen. Presse ist nicht nennenswert dabei, die Öffentlichkeit erfährt also kaum etwas davon. Aber wenn man dabei ist, sticht vor allem ins Auge, wie dürftig es dabei um Sachverstand bestellt ist: die Ahnungslosigkeit feiert Triumphe. Man möchte gerne die dann doch anwesenden wenigen Stadträte fragen, was sie von den Abenden nach Hause tragen. Da redet z. B. ein eingeladener Gastredner über Medien und die Arbeit des BR – eine Schwadronage von nur geringem Unterhaltungswert und noch weniger inhaltlicher Klarheit. Es geht dabei gar nicht um Vorwürfe gegen eine Partei – die Misere ist bei allen Parteien dieselbe.
Da könnte eine wirklich kritische, selbstbewußte Zeitschrift Standpunkte markieren, Auseinandersetzungen zum Wohl der Stadt und ihres Diskussionsniveaus lostreten.

Natürlich hat man hier in Würzburg zwei grundsätzliche Schwierigkeiten.
Die eine ist im Mangel an guten Autoren zu suchen (die im übrigen auch von etwas leben müssen), die andere im Mangel an Bereitschaft, unterschiedliche Standpunkte auszuformulieren und Kritik auszuhalten.
Am Anfang wurde bei Kulturgut moniert, es seien zu wenige Autoren beteiligt gewesen, Pseudonyme hätten eine Vielfalt nur vorgespiegelt. Das mag sein, wie ihm wolle. Tatsache ist, daß es nicht von der Menge der Beiträger abhängt, sondern von der Qualität der Beiträge. Eine der berühmtesten und wirkungsvollsten Kulturzeitschriften des 20. Jahrhunderts wurde in seinen wesentlichen Phasen von nur einem einzigen Autor geschrieben: »Die Fackel« von Karl Kraus. Gewiß ist die Latte zu hoch, sie soll nur verdeutlichen, daß es nur wenige grundsätzliche Verbote gibt und es der leidenschaftlichen Anstrengung bedarf, um eine lesens- und beachtenswerte Zeitschrift hinzubekommen.
Die Stadt hat ein Organ verdient, in dem nicht nur tagesrelevante Informationen verbreitet werden – das erledigen, mit Vorbehalten, die bestehenden Blättchen –, sondern scheinbar tagesaktuelle Fragen auf ihre grundsätzlichen Auswirkungen hin befragt und durchdacht werden.
Daß das nicht sofort gelingt – wen wundert’s? Aber es ist, meine ich, der Anstrengung wert. Die Würzburger Presse vermittelt zu wenig das Gefühl, man wisse hier, daß diese Stadt eine Universität hat, die Universität der größte Arbeitgeber ist, ein intellektuelles Niveau angestrebt werden sollte, wo der Begriff Feuilleton nicht nur als Heuchelei über einer Zeitungsseite steht, sondern einen des Lesens und Verstehens fähigen Bürger anspricht, der nicht nur auf der Arroganz der Beschränktheit beharrt.

Fordern wir also weiterhin eine Würzburger Kulturzeitschrift, die das anstrebt, auch wenn sie in vielem sehr verbesserungsfähig ist. Nur müssen sich die, die das Ziel dieser Anstrengung sein sollen, auch selber in diesen Diskussions- und Arbeitsprozeß einklinken – bessere, klügere, unabhängiger denkende und schreibende Köpfe braucht die Stadt.
Und wie sie sie braucht! Der Stadt sollte daran gelegen sein, dieses Diskussionsforum weiterhin zur Verfügung stellen, auszubauen und sie sollte dies weiterhin mit qualitativen Forderungen verknüpfen.


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1 Kommentar zu „Kultur – gut und schön – oder weg damit?!“

  1. Stefan Hetzel sagt:

    Na, ganz so übel ist „KulturGut“ auch wieder nicht. Im Oktoberheft sind immerhin eineinhalb Seiten einem Interview mit dem Neue-Musik-Komponisten Klaus Ospald gewidmet, der dort durchaus Sperriges zu sagen hat: „Tatsache ist, dass Neue Musik verstörend wirken kann“ – „…ich find‘ das gut, wenn Musik trennt.“ Jedenfalls keine populistischen Sprüche. Ich hab‘ halt mit solchen Heftchen immer das Problem, dass mir die Themenpalette zu breit ist. Was interessiert mich bsp.weise „Schülerwettreden“? Was die „Zaubertage“? Aber so ist sie halt, die pluralistische Gesellschaft – und das muss eine solch „unspezifische“ Zeitschrift eben auch abbilden. Zumal wenn sie von Steuergeldern finanziert wird. Auch deswegen ist ihr Vergleich mit der „Fackel“ nicht nur abseitig, sondern auch ganz einfach unfair und alles andere als „zielführend“. Obwohl, andererseits: wär‘ doch ‚mal ganz witzig, wenn eine Stadt wie Würzburg ein kulturstalinistisches, moralinsauer-elitäres Kampfblatt finanzieren würde ;-)