Genug ist nicht genug …

27. Oktober 2011 | Autor: Berthold Kremmler

… noch einmal zu Fried Heulers Kriegerdenkmal von 1932

Wie jedes Jahr um diese Zeit nahen die Gedenkreden an den Denkmälern. Ob dieses Jahr der Buchtitel eines Spezialisten größeren Nachhall findet als in der Vergangenheit, »Denken statt Denkmalen« von Wolfgang Wippermann, darf mit Spannung erwartet werden. Wahrscheinlich wird wieder die süße Soße der Verallgemeinerung über Gerechte und Ungerechte ausgegossen, werden die Gefallenen betrauert, deren Tapferkeit bestenfalls sinnlos war und über die man nach wie vor nicht laut sagen mag, daß sie in einem verbrecherischen Krieg für verbrecherische Ziele ihr Leben gelassen haben und es nichts, aber auch gar nichts von Ehre, Vaterland und Verteidigung der Heimat und Familie zu beschwören gibt.
Schon im letzten Jahr hat der Oberbürgermeister kunstvoll sich abgemüht, im Husarenwäldchen der Toten des Ersten Weltkriegs und des Zweiten Weltkriegs zu gedenken wie derer der Bundeswehr seither. Und weil er merkte, daß das nicht geht, ist er dann ins große Allgemeine ausgewichen oder besser gestolpert. Die Zuhörer schienen’s zufrieden.

Aber wie soll man auch all der Toten gedenken vor einem Denkmal, das so sehr den Geist des Dritten Reiches atmet?
Meine frühere Attacke gegen das Denkmal hat Zustimmung, aber auch den absurdesten Widerspruch provoziert. Am meisten hat mich beeindruckt, daß ein Leserbrief das Denkmal zum Akt des Widerstands umdeuten wollte. Ich hatte damals vergessen, eine höchst aufschlußreiche Quelle zu zitieren, auf die mich ein Freund hingewiesen hatte. In einem der Blauen Bücher, »Deutschland über Alles. Ehrenmale des Weltkrieges« von 1938, wird auf S. 56 das Denkmal von Fried Heuler abgebildet. Glaubt jemand wirklich im Ernst, ein Denkmal wäre damals in ein solches Buch aufgenommen worden, wenn man darin den Geist des Widerstands hätte spüren können?!

Aber nicht diese Ergänzung ist der Anlaß, noch einmal auf Fried Heuler zurückzukommen, sondern das Erscheinen der Kunstgeschichte der Stadt Würzburg im Frühjahr 2011. Zuerst las ich Dr. Stefan Kummers Bemerkungen zu Heuler im Rahmen der Geschichte der Stadt Würzburg von 2007, im dritten Band. Natürlich war ich neugierig, ob Kummer die Neuausgabe seiner Aufsätze daraus zu einer Überarbeitung oder gar Korrektur nutzen würde. Erst die zweite Lektüre machte mir bewußt, daß der Text, zumindest an dieser Stelle, ganz und gar unverändert war.

Damit man ihn in der Notwendigen Genauigkeit überprüfen kann, sei die entscheidende Passage hier vollständig wiedergegeben:
»Das zur Zeit seiner Entstehung (1930/31) viel beachtete Kriegerdenkmal im ehemaligen Volksgarten, dem heutigen Husarenwäldchen, vereinigt in sich die figurative Tradition europäischer Plastik mit den modernen Prinzipien kubischabstrahierender Gestaltung, und zwar auf eindrucksvolle, thematisch überzeugende Weise. Das Denkmal weist Heuer als einen in der damaligen internationalen Bildhauerkunst erfahrenen und als herausragenden Künstler aus. Nach 1933 hat er sich durch einige dem NS-Regime konforme Arbeiten kompromittiert.« S. 262f

Man muß jedes Wort abwägen, um richtig zu verstehen, was dasteht.
Es sind sechs Aussagen:

  • das Denkmal ist traditionell figurativ, wie halt Skulpturen der abendländischen Geschichte der Plastik üblicherweise aussehen;
  • gleichzeitig sind darin abstrahierende Elemente (ohne die, in Klammer sei’s gesagt, Plastiken nie auskommen, nicht einmal bei Herrn von Hagens Plastik-Toten); das wird durch den Zusatz »kubisch« erweitert – was das hier heißen soll, weiß allein Herr Kummer. Der Duden übersetzt das Wort mit »würfelförmig«, was offenkundig unangebracht ist, Pevners Lexikon der Weltarchitektur kennt den Begriff gar nicht. Wahrscheinlich paßt am besten »klotzig« oder »klobig« als direkte Entsprechungen, aber dann kommt eine Konnotation hinzu, die zwar zum Dritten Reich paßt, aber nicht, wenn man den Bildhauer hochjubeln möchte;
  • das Ensemble ist »eindrucksvoll«, eine Aussage, die nicht wissenschaftlich, sondern subjektiv-wertend ist;
  • und die Gestaltung sei »thematisch überzeugend«. Das ist wieder ein Geschmacksurteil, für das es keinen Garanten gibt als Herrn Kummers Geschmack;
  • Fried Heuler kenne die internationale Entwicklung in der Plastik und habe sie verarbeitet;
  • und zu guter Letzt sei Heuler ein »herausragender Künstler« – was wiederum ein Geschmacksurteil ist.

Geschmacksurteile haben es an sich, daß sie von der Überzeugungskraft dessen leben, der sie äußert. Es steht ihnen wohl an, wenn man sie wenigstens rudimentär zu begründen versucht. Davon kann hier keine Rede sein. Die Urteile stehen quasi nackt und bloß da. Wie man sie findet, ist also eine Sache von Treu und Glauben. Mit andern Worten: wir lassen sie vielleicht besser fallen …
Die beiden ersten Aussagen sind zur Einordnung der Qualität der Heulerschen Figurengruppe nicht hilfreich, ihnen eignet die Qualität der Binse.
Wie weit Heuler international verankert war, könnte erst die Kummersche Heuler-Philologie erweisen, sollte sie je zu einer noch so bescheidenen Blüte gedeihen (wozu eigentlich?!).
Eine einzige Aussage, über die man ernsthaft nachdenken muß, ist die: das Ensemble sei »thematisch überzeugend«. Was, um Himmels willen, soll das denn heißen? Hat Herr Kummer denn keine Ahnung von der Verschiedenartigkeit von Kriegerdenkmälern, ihren Zielen und Absichten, bei denen man, sehr grob gesprochen, motivisch von martialischen Großgruppen bis zu Pietà-Gestaltungen alles finden kann. Was ist dann, bitte »thematisch überzeugend«, wo das Thema überhaupt nicht feststeht? Was kann man für eine Erwartung für ein Kriegerdenkmal haben? Die Trauer oder den Aufruf zur Revanche oder eine der vielen Möglichkeiten dazwischen? Was davon findet man bei Heuler? Herr Kummer hat zu denken aufgehört, bevor er überhaupt angefangen hat.

Das Verfahren erinnert mich sehr an ein ganz altes propädeutisches Hilfsmittel, das ich noch bei den Hinterlassenschaften meines Großvater-Arztes aus seiner Studienzeit vor dem ersten Weltkrieg gesehen habe: die Botanisiertrommel. Darin hat man die Flora von Feld und Wald gesammelt und dann getrocknet, sine ira et studio. Dann konnte man all diese Reste zuordnen, archivieren, katalogisieren, bis alles ganz zu Staub zerfallen war.
Was haben die großen Kunsthistoriker darüber nachgedacht und sich geprüft, welche Gefühle in Kunstwerken ihren Ausdruck finden, was sie bewirken, was sie auslösen können. Ob Herr Kummer sich vorstellen kann, was so viele Israelis gegen Wagner haben? Fragen der Botanisiertrommel?

Es ist ein Jammer, daß dieses Denkmal bei ihm offenkundig nichts aufrührt. Worte jedenfalls hat er dafür nicht gefunden, Welche Gedanken er sich gemacht hat – wir wissen es nicht, ahnen es nicht einmal. Worte hat er jedenfalls nicht gefunden, die das hätten zum Ausdruck bringen können.
Aber wozu brauchen wir dann dieses Denkmal?


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