Remembering Masada

29. November 2016 | Autor: Rigobert Dittmann

Die Aussicht, dass in John Zorns Masada Songbook geblättert wird, lockte uns am 21.10.2016 ins Würzburger Spitäle – das sich, wie auch schon bei Jaap Blonk und bei Michel Godard, als intimer kleiner Kunsttempel bewährt, dessen hervorragende Akustik Mikrophone überflüssig macht.

Dass ANNETTE MAYE’S VINOGRAD EXPRESS dabei vor einem gemeinschaftlichen »Blei-Kokon«-Triptychon von Barbara Schaper-Oeser & Walter Bausenwein postiert ist, und Bilder mit Tuareg-Titeln wie »Tarelaid«, »Tafuk« und »Ajor« informell eine orientalische Atmosphäre bereiten, ist ein unüberbietbarer Bonus. Wofür? Für Adaptionen von Zorns schmusigem »Kisofim«, wechselvollem »Chajah«, flottem »Meholalot« oder schleppendem »Kochot«, einst angestimmt mit seinem Masadatet mit Dave Douglas, Greg Cohen & Joey Baron. Die Kölner Klarinettistin, die 2014 schon mit dem Ensemble FisFüz und 2015 mit dem Duo Doyna das Spitäle beschallt und dabei ihre klezmeresk-orientalische Ader gezeigt hat, hebt diesmal die Klezmer-Jazz-Connection hervor, Vinograd = Weintraub (ein Familienname, der im Klezmer fast wie Brandwein schmeckt).

Dass die jüdische Migration in die Neue Welt den jungen Jazz auf der Nordroute mitbefruchtete, das leuchtet gleich mit den ersten Bassklarinettenklängen und Trompetenstößen ein. Zumal der auch mit Sebastian Gramss‘ Fossile 3, Emißatett und Norbert Stein bekannte Etienne Nillesen mit nur Snare und Becken die Urform eines Drumsets spielt und damit der Musik einen Anstrich wie aus Baby Dodds‘ Tagen gibt. Die Eklektik des Projekts erlaubt dazu aber einen E-Bassisten wie Janko Hanushevsky, der einerseits mit seinem alten Fender den Puls liefert, besonders groovy bei »Chajah«, aber mit Tischtennisbällchen und einem Metallstück auch tolle Effekte auf den Saiten pickt und glitscht, die die spielerische Herangehensweise sinnfällig machen. Zorn wurde auch gar nicht gefragt, Maye mischt ungeniert eigenes Material zu ihren Masada-Arrangements, den Rest besorgen Spontaneität und Spielfreude.

Udo Moll (ja, der von Das Mollsche Gesetz), ihr langjähriger Weggefährte, kann neben goldenen Hornstößen, die ihm, wenn es heiß her geht, schon einen roten Kopf machen, auch umwerfend lakonisch ansagen. Mit seiner putzigen Unterlippenfliege und ner Seeschlange auf der Brust verdeutlicht er den Witz der jazzigen Ungeniertheit damit, dass man sogar bei Beethoven ruhig mal ein paar Noten überspringen könnte. Ich will aus dem faszinierenden Wechselspiel aus orientalisch swingenden Skalen und raffiniertem, bis aufs bloße Geräusch reduziertem Freispiel nur mein persönliches Highlight herausgreifen – Molls »Rubidium 34«.

Neben Chemikern (die Ordnungszahl 34 gehört schließlich zum Selen) wird da auch Achtsamen am Ohr gezogen, weil das richtig harter Stoff ist, der Andacht bis zum Gehtnichtmehr impliziert. Nämlich ein Drumsolo, das Nillesen seine genügsamen Möglichkeiten maximal ausreizen lässt. Dazu drücken die andern auf Molls Zeichen hin zwei bis drei Mal pro Minute eins, zwei gedämpfte Haltetöne. Aber Hallo. Nillesen tupft die Snare erst mit Filzschlägel, rührt dann mit Sticks Marschrolls, quasi in Drums’n’Fifes-Manier (mit Verbeugung vor Han Bennink, wenn er die Ferse als Dämpfer einsetzt). Er be- und entschleunigt, dass man gespannt den Atem anhält, lässt ein Mikrovibrato zischen und an der Snarekante ein winziges Schlägelchen federn, mit dem er auch knarrt, als würde ein Schrank über den Fußboden gezerrt. Und sägt zuletzt zugleich mit Geigenbogen und Rahmentrommel am Beckenrand, dass es fiept und rauscht. Ich kann mich an keinen Drummer erinnern, der, wie ein Chirurg in Zeitraffer, so nuanciert agiert und zugleich so simpel, dass ihm letztlich die bloße Hand oder ein feuchter Daumen genügen. Dafür und für alles andere gibt es Blumen, Bocksbeutel und dermaßen Beifall, dass, obwohl mit einem schnellen Tänzchen im Kölner Stil anno 1986 schon alles gesagt war, nochmal ne Handvoll Konfetti und Luftschlangen über unsre enthusiasmierten Häupter geworfen wird.


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